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Schweiz - Europa
Der Bundesrat setzt auf eine ungewisse Zukunft in Europa
Michael Fust @ 19.08.2010 - 16:55  »  Kategorie: [Schweiz - Europa]
Die Nebs nimmt erstaunt zur Kenntnis, dass der Bundesrat am bilateralen Weg festhalten will. Der ständige EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy hat der Schweiz erst im Juli aufgezeigt, dass der Bilateralismus an Grenzen gestossen ist. Die EU hat klar signalisiert, dass die Schweiz die EU-Regelungen übernehmen muss und dass kein Verhandlungsspielraum mehr besteht. Der vom Bundesrat vorgeschlagene Weg führt in die Sackgasse. Die bereits heute praktizierte einseitige Übernahme aller EU-Regeln ist ein beträchtlicher Souveränitätsverlust. Einzig eine EU-Mitgliedschaft macht die Schweiz wieder zum gleichberechtigten und souveränen Partner.

Dass der Bundesrat angesichts der beschriebenen Situation und der bestehenden Unklarheiten ausschliesslich auf eine Weiterführung des bilateralen Wegs setzen will, ist unverständlich. Wie die Regierung zu Recht festgehalten hat, besteht das Ziel der Aussenpolitik in der optimalen Interessenwahrung der Schweiz. Es ist daher nicht nachvollziehbar, dass im Lichte dieser Unsicherheiten eine EU-Mitgliedschaft überhaupt nicht in Betracht gezogen wird. Die Nebs ist davon überzeugt, dass die Schweiz ihre Interessen als ein Mitglied der EU, also mit dem grösstmöglichen Mitentscheidungsrecht, am besten wahrnehmen kann.

Die Nebs schlägt dem Bundesrat vor, die Vorschläge der Arbeitsgruppe abzuwarten, die Befunde zu bewerten und den Bericht den neuen Realitäten anzupassen. Denn dass er in dieser Situation deklariert, dass er einzig auf den bilateralen Weg setzt, wird der aussenpolitischen Realität nicht gerecht. Allein die Tatsache, dass der Bundesrat weitere Verhandlungsmandate verabschiedet hat, zeigt auf, dass das Interesse und die Notwendigkeit zu einer weiteren Integration bestehen. Angesichts der bekannten und von der Landesregierung auch benannten Schwierigkeiten des bilateralen Wegs muss daher auch die Option Mitgliedschaft ernsthaft geprüft werden- gerade aus souveränitätspolitischen Erwägungen. Die Erklärung, man habe eine EU-Mitgliedschaft diskutiert, diese sei aber nicht im Interesse der Schweiz und auch nicht mehrheitsfähig, zeugt - gelinde gesagt - nicht von Führungsstärke. Vom Bundesrat hätte man erwarten dürfen, dass er die Bevölkerung -hinsichtlich der stattfindenden Debatte - über alle Optionen und ihre Konsequenzen informiert. Die EU-Mitgliedschaft muss in einer gründlichen Beurteilung zumindest eine solche Option sein.

Der Bundesrat wird anlässlich der Präsentation des europapolitischen Berichts noch einmal die Chance haben,
der Bevölkerung eine umfassende Auslegeordnung zusammen mit einer strategischen Stossrichtung  vorzulegen. Die Nebs erwartet vom Bundesrat eine klare europapolitische Strategie mit der Definition von zeitlichen Meilensteinen.
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EU-Mitgliedschaft und direkte Demokratie
Michael Fust @ 16.08.2010 - 15:50  »  Kategorie: [Schweiz - Europa]
Eine Studie des Instituts für Europa- und Wirtschaftsvölkerrecht der Uni Bern hat alle eidgenössischen Volksabstimmungen seit 1992 untersucht und ist dabei zum Schluss gekommen, dass rund 85% aller Vorlagen von einer Mitgliedschaft der Schweiz in der EU nicht betroffen gewesen wären!

Thomas Cottier, Professor für Europa- und Wirtschaftsvölkerrecht der Uni Bern, hat alle 164 eidgenössischen Volksabstimmungen seit 1992 darauf untersucht, ob sie mit EU-Recht kompatibel gewesen wären. Das eindrückliche Resultat: 85% der Vorlagen standen nicht im Konflikt mit EU-Recht.

Dass die direkte Demokratie auch in Falle einer Mitgliedschaft der Schweiz in der EU grundsätzlich beibehalten werden kann, war schon klar. Allerdings erführe sie eine materielle Einschränkung in jenen Bereichen, wo Kompetenzen an die EU delegiert werden. Die Frage war,  wie spürbar diese Kompetenzverlagerung auf die EU-Ebene in einzelenen Bereichen wäre. Nun ist klar, dass sich die Abstriche in engen Grenzen halten, von einem Verlust der direkten Demokratie kann also keine Rede sein!

Zwischen 1992 und 2010 wurden dem Schweizervolk 164 eidgenössische Vorlagen zur Abstimmung vorgelegt. Wenn die Schweiz seit 1992 Mitglied der EU gewesen wäre, wären drei dieser Vorlagen obsolet gewesen („EU-Beitrittsverhandlungen vors Volk", Bilaterale I, „Initiative Ja zu Europa"). Von den übrigen 161 Vorlagen wären in 24 Fällen Probleme zu verzeichnen gewesen: 11 von diesen 24 Konfliktfällen betreffen Initiativen und Gegenvorschläge, die das Volk abgelehnt hat. Drei betreffen Initiativen und Gegenvorschläge die das Volk angenommen hat. In 10 Fällen schliesslich hätten die Vorlagen dem Volk nicht in derselben Weise vorgelegt werden können, da sie mit dem übergeordneten Recht nicht vereinbar gewesen wären. Von diesen 10 Vorlagen hat das Volk 3 abgelehnt und 7 angenommen.  

Überdies bleibt festzuhalten, dass das Volk im Gegenzug die Möglichkeit gehabt hätte, über die Vertragsänderungen von Amsterdam, Nizza, die Verfassung Europas und die EU Erweiterungen (und damit indirekt über die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit) abzustimmen.

Damit ist nun klar belegt, dass man keinesfalls von einer Aufgabe der direkten Demokratie als Konsequenz einer Mitgliedschaft in der EU sprechen kann. Es fände in einzelnen Bereichen eine Kompetenzerlagerung statt, wodurch der materielle Anwendungsbereich der Volksrechte eingeschränkt würde. Diese Einschränkung hält sich aber, wie die oben erwähnte Untersuchung gezeigt hat, in engen Grenzen. Im Gegenzug erhielte die Schweiz und auch die Schweizerinnen und Schweizer zusätzliche demokratische Rechte auf europäischer Ebene. Auch muss beachtet werden, dass schon jetzt durch die «EU-Kompatibilitätsprüfung», durch den über die bilateralen Abkommen vereinbarte vertragliche Nachvollzug und auch durch den sogennanten «autonomen» Nachvollzug von EU-Recht der gesetzgeberische Spielraum der Schweiz bereits eingeschränkt ist.
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Die Europadebatte am 1.August
Michael Fust @ 02.08.2010 - 17:55  »  Kategorie: [Schweiz - Europa]
Anlässlich des Nationalfeiertags hielten sechs der sieben Bundesräte eine Ansprache. Doris Leuthard, Micheline Calmy-Rey, Moritz Leuenberger und Evelyne Widmer-Schlumpf gingen dabei mehr oder weniger deutlich auf die aktuelle Europadebatte ein. Dies ist begrüssenswert, es bleibt aber zu hoffen, dass dies nicht der einzige bundesrätliche Anstoss bleiben wird.

Bundespräsidentin Doris Leuthard rief in ihrer Radio- und TV-Ansprache die Schweizerinnen und Schweizer dazu auf, sich Gedanken darüber zu machen, wie das Verhältnis zu den europäischen Nachbarn gestaltet werden solle. Der 1. August eigne sich besonders, eine Grundsatzdebatte «über Fragen einer ferneren Zukunft» ohne Scheuklappen zu beginnen. Nur gemeinsam mit allen Bürgerinnen und Bürgern sei es möglich, den Kompass für die Schweiz neu auszurichten und eine tragfähige Lösung zu finden.

Klarere Worte fand indes Micheline Calmy-Rey in ihrer Rede in Turtmann (VS).  Die Aussenministerin legte in ihrer Rede dar, dass Souveränität in einer globalisierten und vernetzten Welt bedeutet, dass der Staat dort, wo er betroffen ist, auch Einfluss nehmen und mitbestimmen soll. Sie erinnerte an den Gründungsmythos der Schweiz, als die drei Eidgenossen eine vertragliche Bindung eingegangen waren um damit insgesamt souveräner zu werden. Der bilaterale Weg sei zwar eine solide Basis, aber die EU versuche zusehends ihr eigenes Recht auf Drittstaaten auszudehnen. Daher sei die Frage der Weiterentwicklung der bilateralen Abkommen und damit die Souveränität und Unabhängigkeit ein zentrales Thema für die Zukunft der Schweiz. Die quasi automatische Übernahme von EU-Recht hält sie für inakzeptabel. «Kurz ich möchte nicht, dass unser Land ein de facto-Mitglied der EU ohne Stimmrecht wird.»

Moritz Leuenberger nahm sich in seiner Rede in Uster (ZH) den Mythen, Symbolen und Clichés an. Er folgerte, dass die Schweiz sich nicht dem Trugschluss hingeben dürfe, vollkommen unabhängig zu sein. Die Schweiz sei abhängig vom Geschehen auf der ganzen Welt und auch von der EU. Die Schweiz profitiere aber von der EU als friedlichem Nachbarn, von ihrer Unterstützung an Banken und ihren Investitionen in den Infrastrukturbereich. Dies schaffe auch Exportmöglichkeiten für die hiesige Wirtschaft. Er strich mit dem Bau der NEAT auch die Mitarbeit der Schweiz an der Infrastruktur Europas heraus, betonte aber gleichzeitig, dass die Schweiz sich als Mitglied der EU noch viel effizienter einbringen könnte. Auch legte er dar, dass in der EU auch die Kleinen durchaus gewichtig sind. An Ministerkonferenzen habe er erlebt, wie kleine Staaten wie Luxemburg, gemessen an ihrer Grösse, überproportionalen Einfluss haben. Er sagte auch, dass der bilaterale Weg sich dem Ende nähere und das die Schweiz gut beraten sei, «nicht, wie beim Bankgeheimnis, möglichst lange die Augen zu schliessen und an einen Mythos zu glauben, der ewig aufrecht zu erhalten wäre.»

Bundesrätin Evelyne Widmer-Schlumpf hielt in Grimentz (VS) eine Ansprache zum Nationalfeiertag. Im Zentrum der Rede standen die Aussenbeziehungen der Schweiz und die Europafrage. Die Justizministerin beschrieb drei mögliche Wege für die Schweiz: Die Weiterführung des bilateralen Wegs sei eine der Möglichkeiten. Eine andere Option sei ein Neuanlauf zum EWR und als dritte Möglichkeit nannte sie den EU-Beitritt. Die Bundesrätin wollte sich aber nicht genauer festlegen und versicherte, dass der Bundesrat die einzelnen Optionen ohne Tabu beurteilen werde. Allerdings betonte sie, dass der bilaterale Weg seine Grenzen erreicht habe. Dieser Ansatz habe mit der EU von früher funktioniert. Inzwischen seien neue Mitglieder dazugekommen und diese hätten nicht unbedingt den gleichen Gesichtspunkt. Sie legte auch dar, dass die Aufgabe des Bundesrates darin bestehe, Lösungen vorzuschlagen, die mit der Realität vereinbar seien. Gegenüber den Medien hatte sie erklärt, dass es ihr Ziel sei, zum Nachdenken und zu einer Debatte anzuregen.

Es ist begrüssenswert, dass einzelne Bundesräte die aktuelle Europafrage ansprechen und zu einer breiten Debatte aufrufen. Ein einmaliger Appell wird allerdings nicht reichen. Zu lange und zu oft wurde von der Landesregierung in den letzten Jahren betont, dass der sektorielle Ansatz der Königsweg der Europapolitik sei. Wenn Bundespräsidentin Doris Leuthard sagt, dass der Bundesrat die Debatte nicht allein führen kann, hat sie zweifellos recht. Was der Bundesrat aber durchaus kann, ist die Fakten auf den Tisch legen und die Bevölkerung über die tatsächlichen Optionen und Konsequenzen informieren. Daher ist es nötig, dass der Bundesrat Mut zeigt und mit seinem Bericht zur Europapolitik die Realität so beschreibt wie sie ist und nicht so wie manche sie gerne sehen wollen.
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Die neuen Impulse in der Europadebatte
Michael Fust @ 30.07.2010 - 09:40  »  Kategorie: [Schweiz - Europa]
Die Europadebatte hat in letzter Zeit wieder einiges an Fahrt aufgenommen. «Economiesuisse» hat ein Positionspapier zur Europapolitik veröffentlicht, die Kantone haben Stellung bezogen, die Denkfabrik «Avenir Suisse» hat der Debatte mit einer Lageanalyse Schwung gegeben und der Besuch der Bundespräsidentin in Brüssel und die Erklärungen der EU-Spitze haben für Aufsehen gesorgt. Die SVP und ihr Übervater Christoph Blocher «drohen» mit einer Initiative für ein Beitrittsverbot in der Verfassung. Der Bundesrat schliesslich wird sich am 18. August zu einer Europaklausur zurückziehen und seine Neubewertung der Europapolitik voraussichtlich im September vorstellen.

Eine Mehrheit des Nationalrates hat im vergangenen Sommer den Bundesrat mit einem von der Nebs initiierten Postulat dazu aufgefordert, seine Europapolitik neu zu bewerten. Im Vorfeld der bundesrätlichen Antwort haben inzwischen zahlreiche Akteure der politischen Landschaft ihre Sicht der Dinge dargelegt:

Der Wirtschaftsdachverband «economiesuisse» hat am 18. Mai ein Papier zur Europapolitik der Schweiz vorgestellt. «Economiesuisse» kommt darin zur Einsicht, dass der bilaterale Weg noch schwieriger wird und bezeichnet dies denn auch als Nachteil. Dennoch ist der Verband bestrebt, den Bilateralismus als einzig möglichen Weg darzustellen und schliesst alle anderen europapolitischen Optionen aus. 

Die Konferenz der Kantonsregierungen (KdK) hat am 7. Juli eine europapolitische Standortbestimmung vorgenommen. Die Kantone kommen darin zum Schluss, dass der Schweiz auf lange Sicht nur die Optionen eines Rahmenabkommens mit der EU oder die Mitgliedschaft der Schweiz in der EU bleiben. Der Abschluss eines Rahmenvertrags ist aus Sicht der Kantonsregierungen kurz- und mittelfristig der geeignetste Weg, um die bestehenden bilateralen Abkommen möglichst effizient Handhaben zu können. Ein solches Rahmenabkommen dürfte aber aus Sicht der KdK nicht die automatische Übernahme von EU-Recht zur Folge haben und die Schweiz müsste eine angemessene Teilnahme an der Entscheidungsfindung haben. Den Kantonen schwebt die Einsetzung eines gemischten Ausschusses vor, der einen regelmässigen Dialog mit der EU organisieren soll. Die EU ihrerseits hat bei früheren Gelegenheiten ihr grundsätzliches Interesse an einer Rahmenvereinbarung mit der Schweiz bestätigt, um so die aufwändige Handhabung der bestehenden und allenfalls künftigen Abkommen zu vereinfachen. Das Problem liegt dabei allerdings darin, dass für die EU eine Rahmenvereinbarung zum einen die automatische Übernahme von relevantem EU-Recht nach sich zieht, und dass sie zum anderen einem Drittstaat wie der Schweiz auch mit einer solchen Vereinbarung nicht mehr Mitsprache einräumen will. Damit muss man hinter die Machbarkeit einer solchen Vereinbarung wie sie die Kantone fordern, ein grosses Fragezeichen setzen.

Die als wirtschaftsnah geltende Denkfabrik «Avenir Suisse» hat in einer am 15. Juli dem Publikum vorgestellten Publikation „Souveränität im Härtetest" die europapolitischen Optionen der Schweiz untersucht. Der Fortsetzung des bilateralen Wegs gibt auch «Avenir Suisse» aus folgenden Gründen wenig Chancen: Da nach Inkrafttreten des Lissabonner Vertrags auch das Europäische Parlament über Verträge mit Drittstaaten befindet, die EU immer deutlicher auf einer Übernahme des Acquis und einer dynamischen Anpassung desselben besteht und da es durch die Erweiterung der EU auf inzwischen 27 Mitglieder für die Schweiz grundsätzlich schwieriger geworden ist, sich mit Sonderanliegen Gehör zu verschaffen. «Avenir Suisse» beschreibt auch die Möglichkeit, dass sich im Nachgang der Euro-Schwäche die Dynamik der europäischen Integration noch beschleunigen könnte, wodurch sich für die Schweiz die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sehr schnell ändern könnten. Für unser Land zeichnet die Denkfabrik daher drei Zukunftsszenarien: Den Beitritt zum EWR, eine EU-Mitgliedschaft ohne Euro oder eine globale Allianz von kleineren und mittleren «handelsoffenen»Staaten. «Avenir Suisse» hält in der Publikation fest, dass aus souveränitätspolitischer Sicht eine Mitgliedschaft in der EU dem Beitritt zum EWR vorzuziehen sei.

Am 19. Juli reiste Bundespräsidentin Doris Leuthard zu einem Treffen mit den Spitzen der EU nach Brüssel. In einer anschliessenden Pressekonferenz legten José Manuel Barroso und Herman van Rompuy dar, dass die Handhabung der inzwischen 120 bilateralen Abkommen mit der Schweiz einen zu hohen Aufwand mit sich bringe und dass daher Alternativen gefragt seien. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe wurde angekündigt, welche bis Ende dieses Jahres die Lage analysieren und Lösungsvorschläge präsentieren soll. Die EU-Vertreter beriefen sich auch auf den Beschluss vom 8.12.2008 des Rats der Europäischen Union. Dieser hatte damals festgelegt , wie die Beziehungen zu den EFTA-Staaten künftig gestaltet werden soll. Der EU-Ministerrat in seinem Beschluss deutlich gemacht, dass
von der Schweiz bei künftigen Verhandlungen unter anderem die Übernahme des sektorspezifischen Acquis und dessen homogene Interpretation und Anwendung erwartet wird. Auch bezüglich der bestehenden Abkommen hatte der Rat die Schweiz damals aufgefordert, die Auslegung des Rechts derjenigen der EU anzupassen. Die Diskrepanz der Sicht- und Herangehensweisen zwischen der EU und der offiziellen Schweiz treten hier deutlich zutage. Während die EU auf ihren Beschluss vom 8.12.2008 pocht, ist die Schweiz aus souveränitätspolitischen Überlegungen nicht zu einer automatischen Übernahme der EU-Rechtssprechung gewillt. Damit scheint klar, dass die Schweiz, will sie Mitreden, auch Mitglied werden muss.

Auch der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) hat sich in die Debatte eingeschaltet und am 29. Juli einen runden Tisch zur Europapolitik gefordert. Der Verband betonte, dass die KMU ein spezieller Teil der Wirtschaft sind und daher auch spezielle Interessen haben. Der SGV will weiterhin auf den bilateralen Weg setzen und warnt vor ausländischer Billigkonkurrenz für die gewerblichen KMU im Falle einer EWR- oder EU- Mitgliedschaft der Schweiz.

Nun liegt der Ball beim Bundesrat, welcher im Nachgang seiner Europaklausur seine Neubewertung der Europapolitik der Schweiz inklusive Ziele und Prioritäten vorstellen wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Landesregierung die Zeichen der Zeit erkannt hat und sich nicht aus parteitaktischen Gründen in Zurückhaltung übt.
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Brüssel verdeutlicht seine Sicht der Dinge!
M. Fust @ 20.07.2010 - 14:05  »  Kategorie: [Schweiz - Europa]
Die Spitzen der EU haben beim Treffen mit Bundespräsidentin Doris Leuthard vom 19. Juli 2010 ihren Entschluss vom 8. Dezember 2008 nochmals untermauert, dass für künftige Abkommen der Aqcuis und auch seine Weiterentwicklung Grundlage der Verhandlungen sein müssen. Damit reduzieren sich künftige Verhandlungen zusehends auf die Frage von Fristen und Kalender.

Es scheint damit mehr als deutlich, dass die Ära des klassischen Bilateralismus sich dem Ende zuneigt. Dringend gefragt ist daher eine europapolitische Strategie, die es der Schweiz erlaubt, ihre Interessen optimal zu vertreten und sich an ein verändertes Umfeld anzupassen. Noch dringender gefragt ist indes politischer Mut von Seiten der Parteien und des Bundesrates, auch vermeintliche Tabuthemen anzugehen und die bestehenden Optionen der Schweiz zu diskutieren.

Freilich könnte es sich schnell zeigen, dass der Optionen so viele gar nicht mehr sind: Die Idee eines Rahmenabkommens geistert seit Jahren herum, ohne aber dass sie je konkretisiert worden wäre. Wenn man auch über den Inhalt eines solchen Rahmenvertrags nur spekulieren kann, ist jedoch klar, dass er lediglich eine technische Verbesserung darstellen könnte. Die Kernfrage, diejenige nach den eigentlichen Zielen der schweizerischen Europapolitik, würde dadurch bloss aufgeschoben. Ein Beitritt zum EWR scheint heute weniger attraktiv als er es 1992 war. Quasi automatisch würde die Schweiz zur Übernahme von EU-Recht verpflichtet, ohne aber im Gegenzug eine substanzielle Verbesserung bei der Mitbestimmung erlangen zu können.

Am Ende wird sich die Schweiz zwischen zwei klaren Optionen entscheiden müssen: Isolation und Abseitsstehen oder aber eine Mitgliedschaft in der EU anstreben.
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Economiesuisse blickt den Tatsachen ins Auge aber sieht die logischen Konsequenzen nicht.
Michael Fust @ 20.05.2010 - 22:20  »  Kategorie: [Schweiz - Europa]
Die Neue Europäische Bewegung Schweiz bedauert die perspektivenlose europapolitische Position von «economiesuisse». Obschon «economiesuisse» richtig bemerkt, dass der bilaterale Weg laufend schwieriger wird, werden die entsprechenden Konsequenzen nicht gezogen. Die Forderung, dass die Schweiz ihre Sicht vermehrt auf die dynamischen Volkswirtschaften Asiens und Amerikas richten sollte, ist angesichts der geographischen Lage der Schweiz und der wirtschaftlichen Bedeutung der EU für die Schweiz eine Verkennung der Tatsachen. Die EU ist mit grossem Abstand der wichtigste Handelspartner der Schweiz und wird dies auch in den kommenden Dekaden bleiben. Für die Nebs ist daher eine Integration der Schweiz in die EU von zentraler Bedeutung.

«Economiesuisse» bestätigt, dass der bilaterale Weg künftig noch schwieriger wird und bezeichnet dies auch als Nachteil. Im Positionspapier wird daher richtig festgestellt, dass bei bilateralen Verhandlungen der Druck der EU auf die Schweiz zur vollständigen Übernahme des Acquis und dessen Weiterentwicklung in Zukunft zunehmen wird, dass die EU bei Verhandlungen künftig auf einen Parallelismus setzt und dass durch die gewachsene Zahl der Mitgliedsstaaten Sonderregelungen für die Schweiz noch schwerer zu erreichen sein werden. Wenn «economiesuisse» aber dennoch davon ausgeht, dass die EU mit der Schweiz weiterhin massgeschneiderte sektorielle Abkommen schliessen wird, scheint dies in Verkennung der Realität und der politischen Tendenzen der EU zu geschehen. Wenn die EU sich in einem kompromissreichen Entscheidungsverfahren mit 27 Mitgliedern auf eine Position einigen konnte, wird sie einem Drittstaat wie der Schweiz aus Gründen der Kohärenz und der Konsequenz schwerlich massgeschneiderte und womöglich vorteilhaftere Bedingungen gewähren können als einem ihrer Mitgliedsstaaten. Ausserdem hat das Europäische Parlament seit dem Inkrafttreten des Lissabonner Vertrags bei bilateralen Abkommen mit der Schweiz das letzte Wort, was die Gangbarkeit des Bilateralismus noch zusätzlich erschweren wird.

Die Position von «economiesuisse» ist darüber hinaus auch sehr eingleisig. Nicht nur wird eine Mitgliedschaft in der EU verworfen, auch werden alle anderen Optionen wie die Neuauflage des EWR, einer Zollunion und diejenige eines Rahmenabkommens abgelehnt. Als einzige Möglichkeit sieht «economiesuisse» eine Annäherung auf dem bilateralen Weg, und dies obschon der Verband sich der stetig wachsenden Schwierigkeiten des Bilateralismus bewusst ist. Zugleich stellt «economiesuisse» aber auch fest, dass nur eine Voll-Mitgliedschaft in der EU der schweizerischen Wirtschaft einen uneingeschränkten Zugang zum europäischen Binnenmarkt verschaffen würde. Die Beurteilung der Situation durch «economiesuisse» ist durchaus richtig, die Schlussfolgerung aber ist die falsche! Vollkommen ausgeblendet werden darüber hinaus die politischen Folgen: Die fehlende Präsenz der Schweiz in den europäischen Institutionen sowie die Abstinenz der Schweiz bei der auch für sie massgebenden Rechtssetzung schwächt unser Land - über kurz oder lang auch wirtschaftlich.
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Die europäische Integration garantiert europäische Solidarität
Michael Fust @ 28.02.2010 - 00:00  »  Kategorie: [Schweiz - Europa]
Die Zugehörigkeit der Schweiz zum Schengenraum und damit die europäische Integration hat sich einmal mehr bezahlt gemacht. Die Solidarität unter den Vertragsstaaten beweist, dass die Schweiz im Verbund mit den anderen europäischen Staaten ihre Interessen auf der Weltbühne besser durchsetzten kann. Die Libyen-Krise hat aufgezeigt, welches die wichtigsten Partnerländer der Schweiz sind - gerade im Moment der Not. Die Vermittlungen der EU über Spanien und Deutschland haben die Fortschritte in diesem Konflikt überhaupt erst möglich gemacht. Durch die Solidarität europäischer Diplomaten vor Ort in Tripolis konnte eine drohende Eskalation der Situation abgewendet werden. Geradezu sinnbildlich zeigt diese Situation damit auf, wie wichtig die EU für die Schweiz ist und wie gewinnbringend die Zusammenarbeit mit den anderen europäischen Staaten ist. Einmal mehr hat sich damit gezeigt, dass es im Interesse der Schweiz liegt, die europäische Solidarität zu fördern und sich zu integrieren.

In der Krise ist nochmals deutlich geworden, wie schwierig die Lage der Schweiz auf dem internationalen Parkett ist. Da sie nicht Mitglied der EU ist, war sie dazu gezwungen, auf zahlreichen bilateralen Kanälen zu operieren. Letzten Endes war es aber die Zugehörigkeit der Schweiz zum Schengenraum, welche ihr das nötige Gewicht verliehen hat. Gerade durch diese institutionelle Zugehörigkeit konnte die Schweiz erreichen, dass die EU-Staaten sich für sie einsetzen und sich solidarisch zeigen. Die Affäre hat auch gezeigt, wie gewichtig die EU ist und wie sie ihr Gewicht zum Vorteil ihrer Mitglieder einbringen kann. Nun liegt es an der Schweiz, sich in Zukunft ihrerseits solidarisch zu zeigen mit den anderen europäischen Staaten.
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ENGERE BEZIEHUNGEN ZUR EU ALS ERSTE PRIORITÄT
Nicolas Rion @ 16.09.2009 - 10:50  »  Kategorie: [Schweiz - Europa]
Die Neue Europäische Bewegung Schweiz (Nebs) sendet ihre besten Wünsche an den neuen Bundesrat im Hinblick auf die zahlreichen Herausforderungen, denen er begegnen wird. Angesichts der wachsenden Isolation der Schweiz hofft die Nebs, dass die europapolitische Haltung von Herrn Burkhalter sich rasch den Realitäten anpassen wird. Deshalb empfiehlt sie dem neuen Bundesrat, sich für seinen ersten Auslandbesuch nach Brüssel zu begeben. Engere und vertiefte Beziehungen zur Europäischen Union sind heute eine Priorität. Die Nebs stellt mit Befriedigung fest, dass die europäische Frage während der Kampagne vor der Bundesratswahl eine wichtige Rolle spielte. Sie wird sich weiterhin dafür einsetzen, dass Persönlichkeiten, die offen zu Europa sind, bei zukünftigen Wahlen berücksichtigt werden.

Gratulationen zu Ihrer Wahl, Herr Burkhalter. Viel Arbeit wartet auf Sie. Sie werden zur Verbesserung der internationalen Stellung der Schweiz beitragen müssen. Die Verstärkung unserer Beziehungen zur Europäischen Union ist in diesem Zusammenhang von zentraler Bedeutung. Als EU-Mitglied gewann Bulgarien die Unterstützung der übrigen 26 EU-Staaten zur Befreiung der bulgarischen Krankenschwestern aus Libyen. Wenn sich auch die Schweiz Brüssel annähern würde, könnte sie auf die entscheidende Unterstützung der EU im derzeitigen Konflikt mit Oberst Gaddafi zählen. Unter dem Schutzschild der EU würde sie auf alle Fälle verhindern, dass sich ähnliche Krisen in Zukunft wiederholen.

Entgegen der Auffassung vieler Beobachter hat die Europa-Frage eine nicht zu vernachlässigende Rolle in der Kampagne um die Nachfolge von Bundesrat Couchepin gespielt. Die Medien haben genau die europapolitische Haltung der Kandidaten, wie auch ihre allfällige Mitgliedschaft in der Nebs, analysiert. Die internationale Isolierung der Schweiz hat effektiv der Beitrittsfrage neue Aktualität gegeben. Die Nebs lädt den neuen Bundesrat ein, rasch die Entscheidungsträger der EU zu treffen, um besser die Herausforderungen und die Handlungsspielräume der Schweiz zu beurteilen. Die Nebs wird ausserdem bestrebt sein, die Wahl pro-europäischer Persönlichkeiten bei zukünftigen Vakanzen im Bundesrat aktiv zu fördern.
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ISOLATIONISTEN MIT STÄNDEMEHR GEGEN DAS VOLK
Nioclas Rion @ 11.08.2009 - 10:50  »  Kategorie: [Schweiz - Europa]
Die heute von den Isolationisten eingereichte Initiative «Staatsverträge vors Volk» verrät ihr Unvermögen, in der Aussenpolitik Mehrheiten zu erringen. Nach einer Reihe von Niederlagen in Volksabstimmungen versuchen sie nun, den Föderalismus als Mittel gegen den Willen des Volkes zur Öffnung nach aussen einzusetzen. Ihr Vorhaben würde faktisch die Aussenbeziehungen in der Verfassung festschreiben und mithin ein Ungleichgewicht gegenüber der Innenpolitik bewirken. Und ein Erfolg der Initiative würde unserem Land, das seinen Reichtum der Öffnung verdankt, enormen Schaden zufügen. Die Neue Europäische Bewegung Schweiz (Nebs) verurteilt den Missbrauch unserer Institutionen für parteipolitische Zwecke. Sie wird sich daher der Koalition anschliessen, die dieses gefährliche populistische Projekt zweifellos bekämpfen wird.

Diese Initiative der Isolationisten ist eine reine Verzweiflungstat. Sie mussten in den letzten zehn Jahren in der Öffnungspolitik unseres Landes eine Niederlage nach der anderen hinnehmen: Das Volk, auf das sie sich lautstark berufen, hat systematisch gegen sie gestimmt. Ihr Unvermögen, die Mehrheit zu überzeugen, verführt sie dazu, die demokratischen Spielregeln zu manipulieren, indem sie sich mit Hilfe der bevölkerungsarmen Kantone ein Vetorecht zu erschleichen versuchen. Gewiss ist ihr Befund nicht ganz falsch: Die Schweiz wird jeden Tag mehr ein Passivmitglied der Europäischen Union. Die vorgeschlagene Lösung widerspricht indessen eindeutig den Interessen der Schweiz und ihrer Bevölkerung. Weil wir heute isolierter denn je dastehen, sind wir auf mehr Öffnung und Integration angewiesen.

Seit Beginn der Jahre 2000 sprach sich das Schweizervolk siebenmal zugunsten der Öffnung aus: Bilaterale I (2000), UNO-Beitritt (2002), Entsendung von bewaffneten Soldaten ins Ausland (2003), Beitritt zum Schengen/Dublin-Abkommen (2005), Erweiterung der Personenfreizügigkeit (2005), Beitrag zur europäischen Kohäsion (2006) sowie Weiterführung und Erweiterung der Personenfreizügigkeit (2009). Jedesmal bekämpften die Isolationisten diese Öffnungsprojekte, und jedesmal erlitten sie eine Schlappe. Nunmehr bleibt ihnen nur noch der Trick übrig, das Gewicht der kleinen Kantone auf Kosten der öffnungswilligen Bürger zu stärken und so die Aussenpolitik faktisch auf die Verfassungsebene anzuheben. Ihre Initiative fordert in der Tat die Unterstellung internationaler Verträge unter das obligatorische Referendum, was die doppelte Mehrheit von Volk und Ständen erforderte. Die Anwendung des für Verfassungsänderungen notwendigen Verfahrens auf die Aussenpolitik würde ein ungerechtfertigtes Ungleichgewicht gegenüber der Innenpolitik bewirken.

“Für eine offene Wirtschaft, die einen von zwei Franken mit dem Ausland verdient, ware die Verallgemeinerung des obligatorischen Referendums selbstmörderisch. Das Volk hat schon heute die Möglichkeit, sich zur Aussenpolitik zu äussern, insbesondere im Falle des Beitritts zur Europäischen Union. Unter dem Vorwand, ‘dem Volk die Stimme zu geben’, würde die Initiative der Isolationisten das Volk in Tat und Wahrheit seiner Stimme zugunsten einer kleinen Minderheit berauben. Lassen wir uns nicht von unverantwortlichen Populisten verführen”, warnt Thomas Zellmeyer, Präsident der Sektion Nebs beider Basel. Wie die Initianten notabene selber zugeben, hätte die Annahme dieser Initiative den Beitritt zum Schengen-Abkommen, die Erweiterung der Personenfreizügigkeit und den Beitrag der Schweiz an die Kohäsionsanstrengungen der EU verhindert, das heisst drei Entscheidungen zugunsten unserer Wirtschaft, die mit einer Mehrheit von respektive 54,6%, 56% und 53,4% der Bürger zustande kamen.
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101 UNTERSCHRIFTEN FÜR EINE NEUORIENTIERUNG DER EUROPAPOLITIK
Nicolas Rion @ 22.06.2009 - 16:50  »  Kategorie: [Schweiz - Europa]
Der Druck auf die Schweiz hält an. Mehrere hochrangige Treffen in dieser Woche werden entscheidend sein für die Ausgestaltung der künftigen Beziehungen zwischen der Schweiz und ihren europäischen Partnern. In diesem Kontext fordern 101 Parlamentarier den Bundesrat auf, die europapolitischen «Instrumente» erneut zu evaluieren und die Schweiz ohne Verzögerung aus der aktuellen politischen Isolation zu führen. 101 Parlamentarier haben das von der Berner Nationalrätin und Präsidentin der Nebs Christa Markwalder eingebrachte Postulat unterzeichnet. Anknüpfend an die an ihrer Generalversammlung vom 9. Mai 2009 verabschiedete Resolution fordert die Nebs den Bundesrat auf, die künftigen Etappen der schweizerischen Europapolitik in der Legislaturperiode 2011-2015 festzulegen. Dabei soll er die politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen reflektieren und die zahlreichen Erwartungen der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft berücksichtigen. Angesichts der breiten politischen Unterstützung erwartet die Nebs vom Bundesrat eine schnelle und entschlossene Reaktion.

Im Juni 2006 verwies der Bundesrat anlässlich der Veröffentlichung des Europaberichts auf die Notwendigkeit, die Stärken und Schwächen der verschiedenen europapolitischen ,Instrumente' regelmässig zu analysieren. Dabei führte er drei Kriterien an, die erfüllt sein müssen, damit die Schweiz ihre Ziele auch weiterhin erreichen kann - die Teilnahme an der Entscheidungsfindung, die aussenpolitische Machbarkeit und stabile wirtschaftliche Rahmenbedingungen. Drei Jahre sind seither vergangen und die europapolitischen Instrumente wurden keiner erneuten Analyse unterworfen. Der Bundesrat hat die Lage während dieser Zeit stets als vorteilhaft dargestellt, besonders im Vorfeld von bilateralen Abstimmungen. Die weltweite Rezession, das Risiko einer Rückkehr des Protektionismus, das bewusste Ausnützen der unterschiedlichen Kräfteverhältnisse im internationalen Kontext, der internationale Druck auf das Bankgeheimnis und die mögliche EU-Mitgliedschaft von Island - um hier nur einige Beispiele zu nennen - drängen nun aber eine grundlegende Neuorientierung der Schweizer Europapolitik geradezu auf. Wir erwarten deshalb vom Bundesrat, dass er ohne Verzug handelt.

Vor dem Hintergrund der Krise und des anhaltenden Drucks auf die Schweiz finden in dieser Woche eine Reihe von hochrangigen Treffen statt - die Teilnahme des Bundespräsidenten Hans-Rudolf Merz am OECD-Treffen in Berlin, das Zusammenkommen von Bundesrätin Doris Leuthard mit dem Vizepräsidenten der Europäischen Kommission Günther Verheugen, das Treffen von Bundesrätin Micheline Calmy-Rey mit dem Präsidenten der französischen Nationalversammlung Bernard Accoyer. Diese Gespräche werden für die Beziehungen zwischen der Schweiz und ihren europäischen Partnern massgebend sein. Dem von Nationalrätin und Präsidentin der Nebs Christa Markwalder eingebrachten Postulat kommt in diesem Zusammenhang besonderes Gewicht zu, lädt es doch den Bundesrat dazu ein, die Rolle der Schweiz im Herzen des geeinten Europa grundlegend zu überdenken. Das am 10. Juni eingereichte Postulat Markwalder enthält drei konkrete Forderungen an den Bundesrat:

1. Eine erneute Evaluation der Vor- und Nachteile der jeweiligen europapolitischen Instrumente unter Berücksichtigung der grundlegenden Veränderungen seit Erscheinen des «Europaberichts 2006». Dabei sollen die im Bericht aufgestellten Kriterien als Grundlage für die vorläufige Weiterführung der bilateralen Annäherung dienen.

2. Die Vorlage eines Prioritäten-Katalogs mit konkreten Massnahmen für die künftige Europapolitik um das im Legislaturprogramm 2007-2011 festgelegte Ziel der «Festigung der schweizerischen Stellung in einer vernetzten Welt» zu erreichen und der Schweiz zu ermöglichen, aus der aktuellen politischen Isolation zu gelangen.

3. Das Festlegen der künftigen Etappen der schweizerischen Europapolitik in der Legislaturperiode 2011-2015, die über die Konsolidierung der bisherigen bilateralen Beziehungen mit der EU hinausgehen, unter Berücksichtigung sowohl der politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen als auch der zahlreichen Erwartungen der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft.

Das Postulat Markwalder wurde von 101 Nationalrätinnen und Nationalräten unterschiedlichster politischer Couleur unterzeichnet (die Grünen, SP, CSP, CVP, EVP, Grünliberale, FDP, BDP). Zur Erinnerung: Der Bundesrat hatte in seinem Europabericht 2006 drei Kriterien festgelegt, die für die vorläufige Weiterführung der bilateralen Annäherung erfüllt sein müssen. Dabei hat er ausdrücklich festgehalten, dass, sollten sich die Parameter ändern, auch die europapolitischen Instrumente angepasst werden müssten (6984).
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