Pressemitteilung

Caroline de Gruyter : «Das Problem ist nicht die EU, sondern die Globalisierung»

Artikel von Clément Maury, Mitarbeiter der Nebs.

Im Rahmen der niederländischen EU-Ratspräsidentschaft haben die niederländische Botschaft in Bern und die Neue Europäische Bewegung Schweiz (Nebs) mit Caroline de Gruyter eine bekannte Persönlichkeit zu einem Gespräch eingeladen. Treffend hat die ehemalige Korrespondentin des Handelsblad in der Schweiz und Autorin des Buches L’illusion suisse vor ausgesuchten Gästen das gegenwärtige Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU aufgezeigt und auf den grossen Graben zwischen Demokratie und Globalisierung hingewiesen. Im Anschluss daran hat die Journalistin Fragen aus dem Publikum beantwortet.

Vier Jahre lang hat Caroline de Gruyter im kleinen Dorf Crans-près-Céligny am Ufer des Genfersees gewohnt und so die Möglichkeit gehabt, den Mikrokosmos Schweiz und ihre Widersprüchlichkeiten zu beobachten. Die Schweiz, eines der am stärksten globalisierten Länder der Welt, fürchtet sich plötzlich vor dem Fremden. Für die Journalistin steht die vermeintliche Zerstörung des sozialen Gewebes am Anfang aller Ängste einer wachsenden Bevölkerung gegen die Globalisierung. «Sehen zu müssen, dass die Hälfte der Bevölkerung meines Dorfes die SVP wählte, das kam für mich einer Ohrfeige gleich», meinte de Gruyter. Die Angst der Schweizerinnen und Schweizer, dass ihre oftmals idealisierte Lebensweise im Sog der sozio-kulturellen Veränderungen der Globalisierung verschwinden könnte, ist für de Gruyter die Hauptursache für den Erfolg des Populismus.

Die Globalisierung teile nämlich die europäischen Gesellschaften in Gewinner und in Verlierer ein. Diese Spaltung zeige sich in der Schweiz, aber auch in der EU immer deutlicher. Gleichzeitig sei jedoch die Kluft zwischen dem politisch rechten und dem linken Lager gerade in ökonomischen Fragen auf einen symbolischen Kampf reduziert worden, hätten doch die nationalen Politiken dieses Feld längst verlassen. Das Gefühl – laut de Gruyter durchaus nachvollziehbar -, bei wichtigen Entscheidungen keine Mitsprache mehr zu haben und sich daher mit gesellschaftlichen Fragen zufrieden geben zu müssen, führe dazu, dass politische Entscheidungen immer mehr an Glaubwürdigkeit verlieren würden. In dem die Globalisierung immer wieder Entscheidungen in Bereichen bevorzuge, die von der Zivilgesellschaft, aber auch von politischen Entscheidungsträgern ausgeschlossen seien – da Politik häufig nur auf lokaler, regionaler oder nationaler Ebene funktioniere – gefährde die Globalisierung also auch die Demokratie, sei diese nun direkt oder repräsentativ.

Die EU könne aber nicht verantwortlich gemacht werden für die Schwierigkeiten, die im Zusammenhang mit der Globalisierung auftreten. Wenn europäische Populisten wie Geert Wilders oder Marine Le Pen die Schweiz als ein Beispiel für Souveränität zitieren, so vergessen sie laut de Gruyter, dass die Schweiz ihrerseits ebenso abhängig ist von der EU, wie die Mitgliedsstaaten selbst und dass die Schweiz «folgsam die Mehrzahl der EU-Rechtserlasse übernimmt um nicht vom europäischen Binnenmarkt ausgeschlossen zu werden.» Obwohl de Gruyter das «Brüssel-Syndrom» der Schweizerinnen und Schweizer und die Kurzsichtigkeit der europäischen Staats- und Regierungschefs anprangert, gab sie sich am Anlass aber überzeugt, dass Europa nicht auseinanderbrechen und damit jeder Staat wieder seine eigenen Interessen verfolgen werde, gerade weil Lösungen auf aktuelle Probleme nur kontinentaler oder gar globaler Natur sein können. Als die Journalistin schliesslich auf den möglichen Brexit angesprochen wurde, schlussfolgerte sie: «Ich denke nicht, dass Grossbritannien das Risiko auf sich nehmen wird, aus der EU auszutreten und meiner Meinung nach ist es wichtig, dass die Briten in der EU bleiben, da sie wie niemand sonst den politischen Liberalismus innerhalb der EU verkörpern.»

Nach der gut einstündigen Diskussion, die von Lukas Schürch, dem Generalsekretär der Nebs, moderiert wurde, konnten die zahlreichen Gäste während eines libanesischen Apéros weitere Punkte untereinander diskutieren.