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  • 3rd February 2016 - 10:32 GMT
Geschichte der europäischen Integration

Stefan Zweig – Bekenntnisse eines Europäers

Nur wenige Wochen vor seinem Suizid im Jahr 1942 beendete der im brasilianischen Exil lebende österreichische Schriftsteller Stefan Zweig seine Autobiografie «Die Welt von Gestern – Bekenntnisse eines Europäers». In bewegender und aufregender Sprache nimmt uns der Autor mit auf eine Reise durch eine Zeit, wo Grenzen niedergerissen und neu aufgebaut wurden, durch grösstmögliche Veränderungen und gewaltige Ausbrüche der europäischen Kultur, aber auch durch die tiefen Erschütterungen, die der Humanist Zweig nach einer glücklichen Jugend in Wien erleben musste und mit denen er letztlich nicht mehr wusste, wie umgehen damit.

In Wien – um die Jahrhundertwende neben Paris wohl die aufregendste Stadt des Kontinents – lernt Zweig als Jugendlicher das Kosmopolitische schätzen. Das Aufeinanderprallen der verschiedenen Kulturen wirkt stimulierend auf ihn und wird ihn sein Leben lang prägen. Er ist überzeugt: Vielfalt befreit die Menschen von gegenseitigem Hass aufeinander.

«Arm und reich, Tschechen und Deutsche, Juden und Christen wohnten trotz gelegentlicher Hänseleien friedlich beisammen, und selbst die politischen und sozialen Bewegungen entbehrten jener grauenhaften Gehässigkeit, die erst als giftiger Rückstand vom ersten Weltkriege in den Blutkreislauf der Zeit eingedrungen ist.» (Stefan Zweig, Die Welt von Gestern – Erinnerungen eines Europäers, S. 30.)

Noch liegt der Erste Weltkrieg in weiter Ferne und die Menschen der bürgerlichen Gesellschaft in Wien, zu denen auch Zweig gehört, leben ein geordnetes, gesichertes Leben. Doch in der Kunst und vor allem in der Jugend, die bis anhin von niemandem ernst genommen wurde, es sei denn, man benötigte sie für den Krieg, setzen Veränderungen ein, die Zweig später als Vorboten kommenden Unheils wahrnimmt.

«Das etwas Neues in der Kunst sich vorbereitete, etwas, das leidenschaftlicher, problematischer, versucherischer war, als unsere Eltern und unsere Umwelt befriedigt hatte, war das eigentliche Erlebnis unserer Jugendjahre. Aber fasziniert von diesem einen Ausschnitt des Lebens, merkten wir nicht, dass diese Verwandlungen im ästhetischen Raume nur Ausschweifungen und Vorboten viel weitreichender Veränderungen waren, welche die Welt unserer Väter, die Welt der Sicherheit erschüttern und schliesslich vernichten sollten.» (S. 54.)

Nach ersten literarischen Versuchen in Form von Gedichten zieht es Stefan Zweig raus aus seiner Heimatstadt. Sein neues Ziel: Europa. Er bereist den Kontinent, wandelt durch die Städte und kommt mit unzähligen Menschen in Kontakt, die er bald seine Freunde nennt. Beeindruckt liest man in seinen Erinnerungen von Freundschaften mit berühmten Personen wie Walther Rathenau (er war es gewesen, der Zweig den Ratschlag gab, „über Europa hinauszugehen“), Rainer Maria Rilke, Paul Valéry, Rudolf Steiner, Max Reger, Georges Duhamel, Thomas Mann und vielen Weiteren. Der Schriftsteller lässt sich von einem Ort zum anderen treiben und landet schliesslich in einer Stadt, die ihn, wie viele andere auch, unweigerlich in ihren Bann zieht: Paris.

«Aber doch, nirgends und nirgends hat man die naive und zugleich wunderbar weise Unbekümmertheit des Daseins beglückter empfinden können als in Paris (…). Jeder von uns jungen Menschen nahm ein Teil dieser Leichtigkeit in sich auf und tat dadurch sein eigenes Teil hinzu: Chinesen und Skandinavier, Spanier und Griechen, Brasilianer und Kanadier, jeder fühlte sich an der Seine zu Hause. Es gab keinen Zwang, man konnte sprechen, denken, lachen, schimpfen, wie man wollte, jeder lebte, wie es ihm gefiel, gesellig oder allein, verschwenderisch oder sparsam, luxuriös oder bohèmehaft, es war für jede Sonderheit Raum und gesorgt für alle Möglichkeiten.»
(S. 101.)

In jenen Jahren gelingt Zweig der internationale Durchbruch. Er veröffentlicht zahlreiche Werke und wird zum wohl bekanntesten deutschsprachigen Schriftsteller seiner Zeit. Neben seiner literarischen Tätigkeit übersetzt er Werke von fremdsprachigen Autoren, das bringt ihn weiter in Kontakt mit zahlreichen Künstlern. Er befolgt schliesslich auch den Rat Walther Rathenaus – dessen Schicksal später Zweig mit aller Wucht treffen wird – und macht Reisen nach Asien, Amerika und Afrika. Ein wunderbares Leben in diesem Europa, denkt Zweig. Doch dann…

«Nun hatte ich zehn Jahre des neuen Jahrhunderts gelebt, Indien, ein Stück von Amerika und Afrika gesehen; mit einer neuen, wissenderen Freude begann ich auf Europa zu blicken. Nie habe ich unsere alte Erde mehr geliebt als in diesen letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, nie mehr auf Europas Einigung gehofft, nie mehr an seine Zukunft geglaubt als in dieser Zeit, da wir meinten eine neue Morgenröte zu erblicken. Aber es war in Wahrheit schon der Feuerschein des nahenden Weltbrands.» (S. 144)

Zweig sieht den Weltbrand kommen, doch er stemmt sich mit aller Kraft dagegen. Die Vernunft wird siegen, gibt sich Zweig überzeugt. Der Mensch hat fliegen gelernt, warum sollte er nicht auch gelernt haben, friedlich mit all seinen Mitmenschen zu leben? Der Mensch hat Grenzen niedergerissen, warum sollten sie jemals wieder aufgebaut werden?

«Wir jauchzten in Wien, als Blériot den Ärmelkanal überflog, als wäre es ein Held unserer Heimat: aus Stolz auf die sich stündlich überjagenden Triumphe unserer Technik, unserer Wissenschaft war zum erstenmal ein europäisches Gemeinschaftsgefühl, ein europäisches Nationalbewusstsein im Werden. Wie sinnlos, sagten wir uns, diese Grenzen, wenn sie jedes Flugzeug spielhaft leicht überschwingt, wie provinziell, wie künstlich diese Zollschranken und Grenzwächter, wie widersprechend dem Sinn unserer Zeit, der sichtlich Bindung und Weltbrüderschaft begehrt!»  (S. 147)

Doch alle Euphorie für den Menschen und aller Widerstand gegen den Krieg helfen nichts. Im Sommer 1914 folgt ein Schlag auf den anderen und bald liegt Europa im Krieg. In Wien jubeln die Menschen zu Kriegsbeginn, auch Zweig ist einen Moment lang ergriffen von der feierlichen Stimmung in den Strassen. Doch er besinnt sich rasch und wird, angespornt von seinem französischen Freund Romain Rolland, zu einem entschiedenen Kriegsgegner. Bald wird ihm bewusst, dass er als Schriftsteller eine Stimme hat und dass er damit auch eine Verantwortung zu tragen hat.

«Es war für den Dichter, den Schriftsteller also keineswegs aussichtslos, zu sprechen in jener Zeit, da das Ohr und die Seele noch nicht von den unablässig schwatzenden Wellen des Radios übertönt waren; im Gegenteil: die spontane Manifestation eines grossen Dichters übte tausendmal mehr Wirkung als alle offizielle Reden der Staatsmänner, von denen man wusste, dass sie taktisch, politisch auf die Stunde eingestellt waren und bestenfalls nur die halbe Wahrheit enthielten.» (S. 177)

Als Zweig schliesslich in Österreich keine Möglichkeit mehr sieht zu helfen, entschliesst er sich zur Flucht in die Schweiz. Im emotionalen Taumel der Flucht erlebt Zweig die Schweiz als letzten Ort der Menschlichkeit, als Vorbild für alle europäischen Nationen.

«Immer war ich gerne in dies bei kleinem Umfang grossartige und in seiner Vielfalt unerschöpfliche Land gekommen. Nie aber hatte ich den Sinn seines Daseins so sehr empfunden: die schweizerische Idee des Beisammenseins der Nationen im selben Raum ohne Feindlichkeit, diese weiseste Maxime durch wechselseitige Achtung und eine ehrliche durchlebte Demokratie sprachliche und volkliche Unterschiede zur Brüderlichkeit zu erheben – welch ein Beispiel dies für unser ganzes, verwirrtes Europa! Refugium aller Verfolgten, seit Jahrhunderten Heimstatt des Friedens und der Freiheit (…). Nein, hier war man nicht fremd; ein freier, unabhängiger Mensch fühlte sich in dieser tragischen Weltstunde hier mehr zu Hause als in seinem eigenen Vaterland.» (S. 192-193.)

Zürich, wo Zweig sich schliesslich niederlässt, wird während des Ersten Weltkrieges zur heimlichen Hauptstadt Europas. Hier treffen die Verfolgten aufeinander und tauschen sich aus, die Kunst bricht mit allem Konventionellen und bringt den Dadaismus hervor, die politische Landkarte wird durch Lenin für immer verändert, in der Zürcher Arbeiterschaft rumort es wie nirgends sonst in der Schweiz. Und dann, nach vier Jahren Krieg und Millionen von Toten, scheint plötzlich eine Lösung in Sicht. Woodrow Wilson hat sie vorgezeichnet und die EuropäerInnen schöpfen Hoffnung, auch Stefan Zweig. Doch ein weiteres Mal in der Geschichte der Menschheit scheinen die Menschen nicht für den Frieden bereit zu sein.

«Alle wissen heute – und wir Wenigen wussten es schon damals -, dass dieser Friede eine, wenn nicht die grösste moralische Möglichkeit der Geschichte gewesen war. Wilson hatte sie erkannt. Er hatte in einer weitreichenden Vision den Plan vorgezeichnet zu einer wahrhaften und dauernden Weltverständigung. Aber die alten Generäle, die alten Staatsmänner, die alten Interessen hatten das grosse Konzept zerschnitten und zerstückelt zu wertlosen Fetzen Papier.» (S. 217)

In den Zwischenkriegsjahren erlebt Zweig ein ständiges Auf und Ab. Er schöpft Hoffnung und glaubt an die europäische Einigung, doch dann kommt die Inflation in Österreich und schliesslich die Hyperinflation in Deutschland. Alle Werte werden auf den Kopf gestellt, die Menschen verlieren jeglichen Halt und Zusammenhalt. Stündlich ändern sich in Deutschland die Wechselkurse, das Vertrauen in die Wirtschaft und in die Politik erodiert. Noch hat Zweig die Hoffnung auf eine friedliche Lösung nicht aufgegeben. Doch mit Hitlers Aufstieg beginnt der Abstieg Europas und auch derjenige von Stefan Zweig. Seine Bücher werden verboten, er verliert seine Stimme und schliesslich den Boden unter seinen Füssen.

«Auch in Frankreich, in Italien, in all den zur Zeit geknechteten Ländern in denen meine Bücher in Übertragung zu den gelesensten gehörten, ist heute gleichfalls auf Hitlers Befehl der Bann verhängt. Ich bin heute als Schriftsteller, wie unser Grillparzer sagte, einer, der‚ lebend hinter seiner eigenen Leiche geht‘; alles oder fast alles, was ich in vierzig Jahren international aufbaute, hat diese Faust zertrümmert.» (S. 230)

Mit der Flucht Stefan Zweigs vor den Nationalsozialisten verliert Zweig alles was für ihn bedeutend war. Die deutsche Sprache, seine grosse Leidenschaft, wird jetzt von Verbrechern gesprochen. Wo Zweig auch hinkommt, seine Muttersprache ist die Sprache des Feindes. Dieser Verlust wiegt schwerer als alles andere. Völlig verzweifelt nimmt sich Stefan Zweig mit seiner Frau Lotti am 23. Februar 1942 in Petropolis, Brasilien das Leben. In einem posthum veröffentlichten Buch über Stefan Zweig beschreibt sein langjähriger Freund Hermann Kesten den Verlust, den Zweig erlitten hatte. Nicht nur ging Zweig auf seiner Flucht sein Pass und damit seine Identität verloren, nein, er verlor auch den Glauben an die Menschheit.

«Als Zweig durch Hitler und Europas moralische Schwäche sein Vaterland verlor, wurde er aus einem Weltbürger zum feindlichen Ausländer. Als er seinen Pass verlor, kam er sich wie ein feindlicher Ausländer des Lebens vor. Er verabscheute den pathologischen Verdacht eines jeden gegen jeden, und die Xenophobie, diese krankhafte Abneigung gegen den Ausländer.» (Hermann Kesten, Stefan Zweig, der Freund, in: Hanns Arens, Der grosse Europäer Stefan Zweig, S. 94-95.)

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