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  • 9th October 2019 - 13:25 GMT
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Francesca Albanello, EVS Coordinator

1. Was ist ein Europäischer Freiwilligendienst und wer kann daran teilnehmen?

Der Europäische Freiwilligendienst steht allen Jugendlichen zwischen 17 und 30 Jahren offen. Es werden keine speziellen Vorkenntnisse verlangt. Die jungen Erwachsenen erhalten die Möglichkeit während einem Zeitraum von 2 und 12 Monaten ins Ausland zu reisen und in einem bestehenden gemeinnützigen Projekt mitzuwirken. Durch das Eintauchen in eine neue kulturelle Welt erlernen sie viele neue Fähigkeiten und können sich durch die wertvolle Auslanderfahrung persönlich weiterentwickeln und eine neue Sprachen lernen bzw. ihre Sprachkenntnisse verbessern. Die Aufgaben des Einsatzes werden möglichst den Interessen und Fähigkeiten der Freiwilligen angepasst. Zudem erhalten sie die Möglichkeit, während ihres EVS-Einsatzes ein eigenes Projekt zu entwickeln.

Der Europäische Freiwilligendienst (European Voluntary Service, EVS) wird unterstützt durch die Schweizer Übergangslösung zu Erasmus+. Zuständig für die Umsetzung ist Movetia, die Schweizerische Stiftung für die Förderung von Austausch und Mobilität.

2. Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und der EU im Bereich der Freiwilligenarbeit?

Der Europäische Freiwilligendienst ist, wie oben erwähnt, Teil des Bildungsprogramms „Erasmus+“. Seit 2014 ist die Schweiz nicht mehr Programmland von Erasmus+ und wird seither von der EU als Drittland behandelt. Damit Teilnehmende aus der Schweiz weiterhin an Mobilitätsaktivitäten partizipieren können, verabschiedete der Bundesrat eine mit Schweizer Geldern finanzierte Übergangslösung, die 2020 ausläuft. Diese Lösung ist mit zahlreichenden Hürden verbunden. Beispielsweise erhalten die Freiwilligen, die über das Schweizer Programm einen EVS-Einsatz leisten, keinen Zugang zu gewissen EVS-Benefits wie beispielsweise den kostenlosen Online-Sprachkursen, die von der EU zur Verfügung gestellt werden. Da die Schweiz nun kein Programmland sondern Partnerland von Erasmus+ ist, erhalten wir ebenfalls keinen Zugang zur EVS-Datenbank. Das heisst, dass die Suche nach Projektpartnern sowie einem neuen EVS-Platz für Teilnehmenden aus der Schweiz mit einem enormen Mehraufwand verbunden ist.

3. Das EVS läuft 2020 aus und wird durch das European Solidarity Corps abgelöst. Welche Massnahmen muss die Schweiz ergreifen, damit sie auch ab 2021 weiterhin am Programm teilnehmen kann?

Auf EU-Ebene wurde das EVS Programm bereits im 2017 vom European Solidarity Corps abgelöst. Neu ist es nicht mehr Teil von Erasmus+ sondern funktioniert seither unabhängig davon. In der Schweiz wird das EVS-Programm bis 2020 weitergeführt. Was danach kommt, weiss niemand, denn das Nachfolgeprogramm ist durch diese Ausgangslage weder im Fall einer Assoziierung der Schweiz an Erasmus+ noch in einer Schweizer Lösung automatisch vorgesehen. Die Schweiz sollte sich baldmöglichst bemühen, den Beitritt der Schweiz zum European Solidarity Corps zu ermöglichen und diesbezüglich Verhandlungen mit der EU aufnehmen, welche unter anderem ein unabhängiges Abkommen zum Ziel haben. Die Schaffhauser SP-Nationalrätin Martina Munz reichte am 14. Juni 2019 zusammen mit 19 Mitunterzeichnenden zu eben dieser Thematik ihre Motion 19.3614 ein. Der Bundesrat beantragt dem Parlament die Abweisung der Motion.

4. Was würde es für Teilnahmewillige bedeuten, wenn die Schweiz keine Lösung findet?

Die Teilnehmenden aus der Schweiz würden vom European Solidarity Corps-Freiwilligenprogramm ausgeschlossen werden. Auch die Erarbeitung eines Schweizer Alternativprogramms würde die Qualität und Vielfalt des European Solidarity Corps-Programms in der Schweiz nicht garantieren können. Zudem wäre dies sehr zeitintensiv wie auch finanziell äusserst aufwändig. Die Jugendaustauschorganisationen wie beispielsweise der SCI Schweiz oder ICYE haben sich bemüht das EVS Programm stetig auszubauen. Jugendliche aus der Schweiz würden somit klar benachteiligt werden. Dadurch, dass ein Grossteil der Kosten vom Programm gedeckt werden (wie beispielsweise Kost und Logis, Taschengeld, Reisekosten, Versicherung usw.), können zurzeit junge Erwachsene einen Langzeitfreiwilligeneinsatz machen, die sich sonst einen solchen Einsatz nicht leisten könnten. Meines Wissens gibt es zurzeit kein vergleichbares Programm und auch keine Alternative hierzu. Ausserdem unterstützt das EVS-Programm auch Menschen mit erhöhtem Förderbedarf, was in Zukunft weiterhin ausgebaut werden soll. Doch wenn die Schweiz keine Lösung findet, werden die Chancen dieser Jugendlichen verringert, wertvolle Erfahrungen zu sammeln. Zudem wird es auch für ausländische Freiwillige nicht mehr möglich sein, in der Schweiz einen durch das Schweizer Programm finanzierten Freiwilligeneinsatz zu machen. Denn durch das EVS/Europäischen Freiwilligendienst-Programm leisten Freiwillige nicht nur einen wertvollen Beitrag zu Gunsten der Gesellschaft sondern erhalten auch die Möglichkeit im Ausland sprachliche, soziale und kulturelle Kompetenzen zu erweitern und sich persönlich zu entfalten.

5. Der Bundesrat argumentiert, dass junge Schweizerinnen und Schweizer auch über das Kinder- und Jugendförderungsgesetz (KJFG) unterstützt werden und es somit auch künftig genügend Möglichkeiten geben wird, sich im Ausland freiwillig zu engagieren. Weshalb braucht es die Anbindung an das European Solidarity Corps trotzdem?

Wie bereits erwähnt, bietet der Europäische Freiwilligendienst Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 17 und 30 die Möglichkeit sich auf zahlreichen Ebenen weiterzuentwickeln. Dadurch unterstützt der Europäische Freiwilligendienst auch Menschen zwischen 25 und 30 und ergänzt somit das KJFG. Das KJFG unterstützt einen grossen Teil der Kurzeinsätze von beispielsweise zwei Wochen Dauer. Diese können aber nicht mit Langzeiteinsätzen verglichen werden. Die Organisation von Langzeiteinsätzen ist um einiges aufwändiger im Vergleich zur Vermittlung von Freiwilligen in Kurzzeitprogramme. Nicht zu vergessen ist, dass das European Solidarity Corps-Programm alle Kosten des Einsatzes deckt. Zudem stehen im Rahmen des European Solidarity Corps mehr Programmgelder zur Verfügung als aktuell im Schweizer Programm. Das heisst, dass wir bei einer Anbindung an den European Solidarity Corps einer viel höheren Zahl an Schweizer Teilnehmenden einen Einsatz ermöglichen können, die sich sonst keinen Langzeitfreiwilligeneinsatz leisten können.

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