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  • 30th June 2020 - 08:03 GMT
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Schweizerischer Patriot, überzeugter Europäer und manchmal Weltbürger

Ich bin, seit ich mich erinnere, schweizerischer Patriot, überzeugter Europäer und manchmal Weltbürger.

Ich bin kein Alt-68er, ich bin ein alter 68er.

Damit bin ich, sowohl zeitlich, wie auch geografisch/kulturell verordnet.

Jubiläen sind eine wunderbare Sache, sie lassen uns nachdenken, haben einen festlichen Aspekt, sprechen unsere Emotionen an, verbinden unsere Vergangenheit mit der Zukunft und haben jeweils Gültigkeit für einen bestimmten Raum.

Am ersten Jubiläum, an dem ich teil hatte, bin ich leicht unangenehm aufgefallen. Ich war zwölf. Im Thurgau, wo ich in Bürglen, im Schloss, zur Schule ging, feierte man das 500 Jahre Jubiläum der Zugehörigkeit zur Eidgenossenschaft. Zu einer Eidgenossenschaft, so hatte ich es in der Schule gelernt, welche sich in blutigen Schlachten ihre Freiheit erkämpft hatten. In der gleichen Schule hatte ich ebenfalls gelernt, dass der Thurgau Untertanengebiet der Eidgenossen wurde. Das hat mich zur Frage veranlasst, was denn zu feiern sei, wenn der Thurgau nur gerade andere Herren erhalten habe.

Fünf Jahre später, ich war inzwischen am Lehrerseminar des Kantons Schwyz, feierte man am 15. November 1965 das 650 Jahre Jubiläum der Schlacht am Morgarten. Unsere Klasse, alles Jungs, wurde in alte schwyzerische Uniformen gesteckt, schön rot/weiss. Jeder bekam einen Blechhelm, eine Hellbarde und Schnabelschuhe. Zu unbequem um am Sternmarsch der anderen Jugendlichen teil zu nehmen. So wurden wir mit dem Bus, gemeinsam mit den 3.Sek Mädchen von Schwyz, zum Festgelände gefahren. Dank 650 Jahre Morgarten hatte ich mich ein erstes Mal so richtig intensiv verliebt.

Das dritte Jubiläum durfte ich in vielen Teilen selbst gestalten: das 200 Jahre Jubiläum der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG). Sie, gegründet 1810, war eine wichtige Wegbereiterin des schweizerischen Bundesstaates von 1848. Die zentralen Prinzipien eines friedlichen Zusammenlebens, der Subsidiarität, des gemeinsamen Wohls und der Solidarität der Starken mit den Schwachen gelten sowohl in der SGG/SSUP wie auch der Schweiz bis heute. Diese sind, das hatte ich bereits vor über 55 Jahren in einem Referat am Lehrerseminar festgehalten, auch die Prinzipien eines friedlichen und in Wohlstand lebenden Europas.

Ebenfalls als Geschäftsleiter der SGG durfte ich massgeblich an einem weiteren Jubiläum mitwirken: Am 200 Jahre Jubiläum der Uraufführung des Schauspiels Tell. 15 Jahre nach dem Mauerfall und der Wiedervereinigung Europas, fast ganz Europas, führte das deutsche Nationaltheater Weimar den Wilhelm Tell auf der Wiese der Freiheit, auf dem Rütli, auf. Ich freue mich, dass ich das mit ermöglichen konnte.

So war ich mein ganzes Leben, bis heute, überzeugter Schweizer, überzeugt von unseren demokratischen Errungenschaften, zum Teil schon lebendig in der alten Eidgenossenschaft, zum Teil erst nach 1948, oder nach 1919, und zu einem wesentlichen Teil erst nach 1971. Immer wieder wurde um sie gerungen und wird auch in Zukunft um sie gerungen werden müssen. Die Tatsache, dass ich in all den Hunderten von Abstimmungen sehr viel häufiger bei den Verlierern als bei den Siegern war, liess mich kaum einmal an den Instrumenten der direkten Demokratie zweifeln.

Ebenfalls mein ganzes Leben lang bin ich bereits überzeugter Europäer, froh, dass viele andere Europäer, auch Amerikaner, Russen und Afrikaner mitgeholfen haben, dass die Schweiz nicht unter das Joch der Nazi fiel, dass ich in einem freien Staat aufwachsen konnte und nicht in einer Schweiz von Hitlers Gnaden.

Ich bin überzeugt, dass unsere europäische Kultur und unser gemeinsames Verständnis von Demokratie es lohnen, sich dafür einzusetzen. In der diskursiven Auseinandersetzung Lösungen zu finden, Interessen auszugleichen, ist nicht nur friedenserhaltend, sondern fördert auch die soziale, politische und kulturelle Kreativität. Ich bin davon überzeugt, dass Europa eine Aufgabe hat in der Welt.

Immer mehr Menschen erfasst ein wachsendes Bewusstsein, Bewohner desselben Planeten zu sein. Sie wollen die Globalisierung nicht mehr missen, sind aber auch bereit, Verantwortung für den Planeten zu übernehmen. Uns Europäern fällt die Aufgabe zu, heute einen globalen Ausgleich der Interessen zu suchen und zu finden und für gewaltfreie Formen der Auseinandersetzung einzustehen. Dabei kommt dem Recht, den Menschenrechten für die Individuen und dem Völkerrecht für die Vielfalt der Staaten, eine entscheidende Bedeutung zu. Nur gemeinsam können wir unseren folgenden Generationen eine lebenswerte Welt hinterlassen.

Exakt das hatten bereits die verantwortlichen Autoren des Bundesbriefes von 1291 erkannt, wenn sie schreiben, dass die Leute der drei Orte beschlossen und „sich gegenseitig versprochen haben“, … „einander mit Rat und Tat beizustehen“. Davon sprachen die Väter und Mütter der Bundesverfassung von 1999, wenn sie formulierten: „…im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben…“ Und die Verfasser der europäischen Charta schrieben: „Die Völker Europas sind entschlossen auf der Grundlage gemeinsamer Werte, eine friedliche Zukunft zu teilen, indem sie sich zu einer immer engeren Union verbinden.“ und stellen fest, dass die Ausübung dieser Rechte gebunden ist an die Verantwortung und die Pflichten gegenüber den Mitmenschen, der gesamten Menschheit und den künftigen Generationen.

Wenn ich diese wenigen Zeilen , die Sie eben auch gelesen haben, wieder lese und wenn ich an all die konkreten Erfahrungen denke, welche mich in dieser rationalen politischen Sichtweise immer wieder bestärkt haben, damals, 1972, als volounteer im Watergate-Bulidung anlässlich des Wahlkampfs Nixon gegen Mc Govern, oder zwischen ‘90 und ‘92, als Berater der Sowjetunion und danach Russland, auf dem Weg der politischen und ökonomischen Neuorientierung, dann freue ich mich. Ich durfte schweizerische und europäische Erfahrungen andernorts fruchtbar machen.

Und ich freue mich jetzt, als alter 68er noch mithelfen zu können, zu zeigen, dass guter nationaler, in meinem Fall schweizerischer, Patriotismus die Basis für ein gemeinsames europäisches Verständnis ist und dieses wiederum die Voraussetzung schafft, gemeinsam mit den Menschen aus den anderen Kontinenten an einer lebenswerten Welt für künftige Generationen zu arbeiten.

Kilchberg, 26. Juni 2020 
Herbert Ammann

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