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  • 5th November 2015 - 11:37 GMT
Geschichte der europäischen Integration

Adolf Ogi, Neujahrsrede 1993

Nach den eidgenössischen Wahlen vom 18. Oktober 2015 richten wir für dieses Porträt einen kurzen Blick auf alt-Bundesrat und SVP-Mitglied Adolf Ogi. Ogi sorgt innerhalb der SVP immer wieder für Kontroversen, da er gerade in Bezug auf das Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU immer wieder der Parteilinie widersprechende Positionen bezieht. In Erinnerung geblieben ist seine Aussage, dass der EWR ein Trainingslager für einen allfälligen EU-Beitritt sein könnte. Später hat Ogi darauf hingewiesen, dass er nicht richtig verstanden wurde: Man müsse seine Aussage sportlich verstehen, ein Trainingslager sei im Sport dazu da, zu entscheiden ob man fit genug sei für den Wettkampf oder nicht. Sei man nicht fit genug, so entscheide man sich gegen den Wettkampf, also in diesem Fall gegen einen EU-Beitritt. In den letzten Jahren hat Adolf Ogi innerhalb seiner Partei bedauerlicherweise viel Rückhalt verloren. Mit Ogi verfügt die SVP nämlich über einen weitsichtigen, pragmatischen Politiker, der nicht nur über den Röstigraben, sondern auch über den sich immer weiter aufmachenden Fonduegraben zwischen der Schweiz und der EU Besorgnis äussert. Deutlich ersichtlich wird dies bereits in der Neujahrsansprache von 1993, welche Ogi in Genf gehalten hat.[1]

Ogi leitet seine Ansprache mit einer Zuversicht versprechenden Idee ein.

 

«Wandel ist eine Chance, keine Gefahr!»,

beschwört Ogi die Zuhörenden. Zu Beginn der 1990er Jahre stand der Westen im Allgemeinen, aber auch die Schweiz tatsächlich vor grossen Veränderungen. Es ist der Moment, da in der Informationstechnologie mit dem Erscheinen des Internets eine grosse, weltumspannende Erneuerung eintritt. 1993 geht das Weisse Haus unter Bill Clinton online und die erste Webcam sendet Bilder auf das Netz.[2] Aber auch in der Schweiz verändert sich vieles, gerade in politischer Hinsicht. Mit dem EWR-Nein vom 6. Dezember 1992 beginnt der eigentliche Aufstieg von Ogis Partei, der SVP, zur dominanten Partei der letzten Jahre. Mit der neuen, abweisenden Haltung der SVP ist Ogi allerdings nichts einverstanden, wenn es darum geht, die bevorstehenden Schwierigkeiten zu meistern.

 

«Unser Land hat schon grosse Umwälzungen erlebt. Und immer ging die Schweiz gestärkt und geeinigt aus diesen Perioden des Wandels hervor. Vergessen wir Trägheit, „Reduit-Mentalität“ und Rückzug ins Schneckenhaus. Ein Schneckenhaus ist zerbrechlich.»

In verblüffend klarer Art und Weise zeigt sich Ogi von enttäuscht von der EWR-Abstimmung und ihren

 

«Konsequenzen: Gräben wurden aufgerissen, zwischen Romandie und deutscher Schweiz, zwischen Stadt und Land, zwischen Jung und Alt.»

 

Für Ogi stellt sich als Bundespräsident die Frage, wie diese Gräben wieder zugemacht werden können. Die gemeinsame Arbeit an der zukünftigen Gestalt der Schweiz sei sehr entscheidend, gibt sich Ogi überzeugt. Nur zusammen könne die Schweiz weiterhin Grosses leisten. Dies sei auch der Grund, warum er seine Neujahrsrede in Genf und nicht in der Deutschschweiz halte.

 

«Ich spreche hier in Genf. (…) Ich habe diesen Ort gewählt, weil mir die Zusammengehörigkeit von uns Schweizern so am Herzen liegt – uns so verschiedenartigen Schweizern. Die Zusammengehörigkeit von französischsprachigen Schweizern, von italienischsprachigen Schweizern, von romanischsprachigen Schweizern und von deutschsprachigen Schweizern. Auch die Zusammengehörigkeit von Jung und Alt, von Stadt und Land.»

 

Alleine mit einem guten Zusammengehörigkeitsgefühl sei aber noch nicht alles getan, so Ogi. Auch der Austausch mit den Nachbarn sei wichtig. Die Isolation ist für einen kleinen Staat wie die Schweiz laut Ogi nicht möglich.

 

«Es ist wichtig, dass eine starke Schweiz im Gespräch bleibt mit ihren Nachbarn. Dass wir als starkes Land den Nachbarn unsere Situation erklären und dass wir als starkes Land die notwendigen Schritte in Richtung Europa und Welt gehen. Die Schweiz kann sich eine Isolation nicht leisten. Die Schweiz ist keine Insel. Die Schweiz liegt im Herzen Europas. Sie ist eingebettet in eine weltweite Schicksalsgemeinschaft.»

 

Trotz der wirtschaftlich schwierigen Phase, in der sich die Schweiz zu Beginn der 1990er Jahre befindet, zeigt sich Adolf Ogi zuversichtlich, dass die bevorstehenden Schwierigkeiten zu meistern sind. Die Schweiz sei ein privilegiertes Land und habe – trotz Krise – auch eine besondere Verantwortung in der Weltgemeinschaft wahrzunehmen. Es bestehe weiterhin die Pflicht, Schwächeren und Geschwächten zu helfen, so Ogi. Gerade in der Flüchtlingsfrage, einer heute äusserst aktuellen Frage, äusserst sich Ogi sehr bestimmt. Die damaligen Kriege in Jugoslawien führten zu einer grösseren Flüchtlingswelle von Menschen aus dem Balkan in die Schweiz.

 

«1993 wird kein leichtes Jahr sein. Auf jeden Fall wird die Schweiz aber weiterhin zu den privilegierten Staaten dieser Erde gehören. Zeigen wir uns als würdige Nachfahren von Heinrich Pestalozzi und Dunant! Reichen wir eine helfende Hand den hungernden Kindern, den Kriegsopfern und den Flüchtlingen. Wie diese zwei grossen Schweizer es getan haben. Die Schweiz muss auch für sie da sein.»

 

In der Manier von Martin Luther King zeichnet Ogi am Ende seiner Rede eine Vision für die Schweiz. Die Zukunft der Schweiz liege in ihrer Öffnung, im Dialog miteinander, in der Akzeptanz der verschiedenen Kulturen, welche sich in der Schweiz beheimatet fühlten oder hier Zuflucht suchten.

 

«Ich wünsche mir eine Eidgenossenschaft mit erneuertem Gemeinsinn, mit mehr Offenheit gegenüber Andersdenkenden. Mit Selbstbewusstsein. Unser Land muss ein Ort des direkten Gesprächs und der fairen Auseinandersetzungen sein. Unser Land muss ein Hort der Geborgenheit für Bedürftige und Verfolgte sein. Ein Platz, wo kranke und einsame Mitmenschen Nähe erfahren. Gerade die Kranken und die Schwachen brauchen Zuwendung, brauchen Solidarität und brauchen echte Gesprächsbereitschaft».

 

Dass Ogi trotz dem frappanten Wandel seiner Partei immer noch Mitglied der SVP ist, zeugt von seinem unbeugsamen Willen, über den Dialog Lösungen zu finden. Es bleibt zu hoffen, dass er auch weiterhin als offene Stimme in der SVP wahrgenommen wird und dass er sich von einigen verächtlichen Kommentaren, beispielsweise aus der Jugendpartei der SVP in seinem Heimatkanton Bern, nicht einschüchtern lässt. Denn, liest man die Worte von Adolf Ogi in seiner Neujahrsrede von 1993, so muss man auch als Nebs-Mitglied dem SVP-Politiker zustimmen und sagen:

«Freude herrscht!»[3]

 

 

 

[1] Lesen sie die ganze Rede auf dem Internetportal der Schweizer Regierung, https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/reden/neujahrsansprachen/1993.html

[2] Vgl. Computer Hope, Free computer help and information, http://www.computerhope.com/history/1993.htm, Gesehen am 03.11.2015.

[3] Adolf Ogi’s berühmte zwei Worte zum Astronauten Claude Nicollier anlässlich einer Liveschaltung ins All, 07. August 1992.

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