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  • 24th July 2015 - 09:52 GMT
Geschichte der europäischen Integration

Bertha von Suttner und ihr Roman «Die Waffen nieder!» (1889)

Text von Felix Brun, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Nebs.

Die «offizielle» Deutung der europäischen Integration ist eine Geschichte, die geprägt ist von starken Persönlichkeiten und Charakteren, in der Regel Männer [1]. Diese Geschichte ist nicht falsch, aber sie lässt einen Teil aussen vor, der ebenso gewürdigt werden sollte: Den Anteil der Frauen am Erfolg der europäischen Integration, insbesondere am Friedensprojekt Europa. Im Laufe des letzten Jahrhunderts haben viele Frauen immer wieder zur Völkerverständigung aufgerufen und viele von ihnen haben Frieden als ein gesamteuropäisches Projekt verstanden. Mit diesen Frauen und ihren Ideen wird sich dieses mehrteilige Porträt zur europäischen Integration auseinandersetzen. Eine der bekanntesten Frauen, die sich für ein Friedensprojekt Europa einsetzte, war Bertha von Suttner. 1905 erhielt sie für ihren unermüdlichen Einsatz den Friedensnobelpreis. Es war Bertha von Suttner selbst, welche Anregungen zur Schaffung eines Friedensnobelpreises äusserte. Den Grundstein für ihren Ruhm legte Bertha von Suttner mit dem literarischen Werk „Die Waffen nieder!“, welches 1889 erschien und in ganz Europa grosse Erfolge feierte. Von Suttner beschrieb in diesem Buch die Leiden der Frauen, welche ihre Männer in den Krieg ziehen lassen mussten. Die Ich-Erzählerin des Buches nimmt eine für damalige Zeiten erstaunlich pazifistische Haltung ein, ersichtlich etwa in folgendem Dialog:

«Siegen oder besiegt werden – der Krieg an und für sich ist schon schrecklich … Wäre es nicht besser, wenn es gar keinen solchen gäbe?» «Wozu wäre denn da das Militär da?» «Ja, wozu?» Ich sann nach. «Dann gäb‘ es keins.» «Was du für Unsinn sprichst! Das wäre eine schöne Existenz – lauter Zivilisten – mir schaudert! Das ist zum Glück unmöglich.» (S. 20)

Begeistert von den Theorien des Charles Darwin und anderer englischer Gelehrter erarbeitet von Suttner in ihrem Roman eine Hauptperson, die der Intelligenz den höchsten Stellenwert im menschlichen Zusammenleben einräumt.

«Die Geschichte der Menschheit wird nicht – wie dies die alte Auffassung war – durch die Könige und Staatsmänner, durch die Kriege und Traktate bestimmt, welche der Ehrgeiz der einen und die Schlauheit der anderen ins Leben rufen, sondern durch die allmähliche Entwicklung der Intelligenz.» (S. 25)

Die Begeisterung für den Darwinismus hat heute einen etwas fahlen Beigeschmack, wird doch heute der Sozialdarwinismus als das «Recht des Stärkeren» verstanden, was der Vernunftidee in gewisser Weise widerspricht. Erstaunlicherweise lehnt von Suttner in „Die Waffen nieder!“ gerade jenes Recht des Stärkeren ab, beispielsweise in dem sie die Justiz über alle anderen Möglichkeiten stellt, einen Streit zu beenden. In einem Dialog mit wichtigen Vertretern aus dem Militär lässt sich die Ich-Erzählerin im Roman zu folgenden Sätzen bewegen:

«Kurz,» unterbrach ich, «nach dem kriegerischen Grundsatze handeln: dem Feind – das ist nämlich jeder andere Staat – tunlichst zu schaden und, wenn ein Streit entsteht, so lange hartnäckig behaupten, daß man im Recht ist, – auch wenn man sein Unrecht einsieht, nicht wahr?» «Allerdings.» «Bis beiden Streitenden die Geduld reißt und drauf losgehauen werden muß … es ist abscheulich!» «Das ist doch der einzige Ausweg. Wie anders soll denn ein Völkerstreit geschlichtet werden?» «Wie werden denn Prozesse zwischen einzelnen gesitteten Menschen geschlichtet?» «Durch das Tribunal. Die Völker unterstehen aber keinem solchen.» «Ebensowenig wie die Wilden,» kam mir Doktor Bresser zu Hilfe. «Ergo sind die Völker in ihrem Verkehr noch ungesittet, und es dürfte wohl noch lange Zeit vergehen, bis sie dazu gelangen, ein internationales Schiedsgericht einzusetzen.» (S. 68)

In ihrer Begeisterung für Rationalität versucht von Suttner auch aufzuzeigen, dass der Glaube, Krieg sei ein Naturereignis und damit unausweichlich, falsch ist.

«Zwar haben sich die Leute daran gewöhnt, auch den Krieg als Naturereignis zu betrachten und ihn als vertragsaufhebend in einer Linie mit Erdbeben und Wassersnot zu nennen – daher auch so wenig als möglich daran zu denken. Aber ich konnte mich in dieser Auffassung nicht mehr finden.» (S. 70)

Ein Krieg, so gibt sich von Suttner in ihrem Roman überzeugt, könne durch die Vernunft der Menschen umgangen werden. Die Menschen selbst seien nämlich für ihr Glück – oder Unglück – verantwortlich.

«Nicht die Götter – die unsinnigen Menschen selber beschwören das Unglück auf sich herab.» (S. 71)

Das Glück der Menschen hängt von der Einsicht ab, dass in einem Streitfall beide Parteien nur stur auf ihren Positionen beharren und daher eine dritte Partei, also ein unabhängiges Gremium, die wohl beste Lösung zur Beendigung dieses Konfliktes anbieten könne.

«Warum nicht gegenseitig die Rechte abwägen, um sich zu verständigen, und wenn dies nicht gelingt, eine dritte Macht zum Schiedsrichter machen? Warum nur immer beiderseitig schreien: Ich – ich bin im Rechte.» (S. 74)

Mit dem Erfolg, den „Die Waffen nieder!“ Bertha von Suttner bescherte, hatte sich für die europäische Friedensbewegung plötzlich eine Stimme gefunden. Von nun an trat Bertha von Suttner an den meisten wichtigen Friedenskongressen als Rednerin auf, häufig half sie auch mit, die Kongresse zu organisieren. Von der Idee, ein Völkertribunal zu schaffen, rückte sie konsequenterweise nicht mehr ab. Am vierten Weltfriedenskongress von 1892 in Bern betonte von Suttner in einem Antrag die Notwendigkeit eines europäischen Staatenbundes und der Einrichtung einer internationalen Organisation, welche auf juristischem Wege Streitfragen schlichten und so militärische Auseinandersetzungen verhindern sollte.

«In Erwägung, dass ein europäischer Staatenbund – welcher auch im Interesse der Handelsbeziehungen aller Länder wünschenswert wäre – diesen Zustand der Rechtlosigkeit beseitigen und dauernde Rechtsverhältnisse in Europa schaffen würde, (…): lädt der Kongress die europäischen Friedensvereine und ihre Anhänger ein, als höchstes Ziel ihrer Propaganda einen Staatenbund auf der Grundlage der Solidarität ihrer Interessen anzustreben. Er lädt ferner alle Gesellschaften der Welt ein, (…) auf die Notwendigkeit eines dauernden Völkerkongresses hinzuweisen, welchem jede übernationale Frage zu unterbreiten wäre, damit jeder Konflikt durch Gesetz, nicht aber durch Gewalt seine Erledigung finde.»[2]

Dem Frieden widmete von Suttner ihre ganze Energie. Dafür wurde sie in jenen patriotischen Zeiten im Höhepunkt imperialistischer Machtgelüste verächtlich als «Friedensbertha» tituliert. Bis zu ihrem Tod kämpfte sie gegen den aufkommenden Nationalismus und die sich verbreitende Kriegsbegeisterung an. Frieden war ihr wichtigstes Anliegen, aber sie wusste auch, wie sie in „Die Waffen nieder!“ eindrücklich schildert, dass dieses Anliegen ein Wunschtraum, eine Utopie bleiben würde.

«Welches freie Aufatmen dieses Wort „Waffenstillstand“ doch gewährt! … Wie müßte die Welt erst aufatmen – dachte ich damals zum erstenmal – wenn es allenthalben hieße: die Waffen nieder – auf immer nieder! Ich trug das Wort in die roten Hefte ein. Daneben aber schrieb ich verzagt, zwischen Klammern: „Utopia“.» (S. 77)

Ihre Vorahnung sollte sich auf erschreckende Weise bewahrheiten: Nur eine Woche nach ihrem Tod im Juni 1914 verübte Gavrilo Princip in Sarajevo ein Attentat auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie. Einen Monat später brach in Europa einer der fürchterlichsten Kriege aus, den die Menschheit je erlebt hat. In dessen Verlauf wird schliesslich eine andere Bertha, die «dicke Bertha» – ein grosses Geschütz der deutschen Armee – eine tragende, tödliche Rolle spielen.

[1] Alle Zitate aus dem Roman stammen von einer im Internet erhältlichen Version des Romans. Von Suttner, Bertha, Die Waffen nieder!, Roman, 1889, http://www.literaturdownload.at/pdf/Bertha%20von%20Suttner%20-%20Die%20Waffen%20nieder.pdf, Gesehen am 02.06.2015.

[2] Capper-Moneta-Suttner Antrag, Friedensantrag auf dem Berner Friedenskongress von 1892, https://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/frauenarchiv/ausstellungen/europa/suttner/frieden.html, Gesehen am 02.06.2015.

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