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  • 13th November 2018 - 09:40 GMT
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Das Glarus von heute – Toni Koller

Stellen wir uns vor, der Kanton Glarus hätte im Jahr 1848 nicht mitgemacht bei der Gründung des schweizerischen Bundesstaats. Der kleine Kanton inmitten der Eidgenossenschaft hätte sich geweigert, gewisse Befugnisse an den Bund abzutreten: Vereinheitlichte Masse und Gewichte, die landesweit gleiche Uhrzeit, abgeschaffte Zölle an den Kantonsgrenzen, eine gemeinsame Armee und Währung, das Bundesgericht, die interkantonale Niederlassungsfreiheit – all dies wäre den Glarnern zu viel verlorene Selbstbestimmung gewesen. Und sie hätten sich entschieden, unabhängig von „Bern“ weiterzuexistieren, ohne sich an die von National- und Ständerat erlassenen Gesetze zu halten.

Eine solcher Sonderweg wäre gewiss kaum von langem Bestand gewesen. Denn er wäre dem Glarnerland nicht gut bekommen.

Drehen wir die Uhr nun um 170 Jahre vorwärts – in die Gegenwart, wo die Schweiz in ein dichtes internationales Wirtschaftsgeflecht eingebunden ist. Wo ein Trip von Bern nach Helsinki oder Lissabon kürzer dauert als damals eine Reise nach Langenthal. Wo sich die Kommunikation in Wort, Bild und Schrift rund um den Globus in Sekundenbruchteilen vollzieht. Die Welt ist seit 1848 kleiner geworden, viel kleiner. Damit hat sich auch der Massstab für nationale Eigenständigkeiten verändert. Und doch zeigt die europäische Landkarte in ihrem Zentrum ein kleines Land, das sich à tout prix vom Bund der Nachbarstaaten ausschliessen will. Wo manche allen Ernstes glauben, auf gemeinsame Normen und Regeln der Europäischen Union pfeifen zu können. Wobei das Land viele dieser Normen und Regeln dann aus praktischen Gründen trotzdem übernimmt – allerdings unter Verzicht auf ein Stimmrecht beim Erlass. Aus historischer Perspektive ist es offensichtlich: Der Alleingang kann nicht von ewigem Bestand sein, denn er wird der Schweiz nicht nützen.

Nun aber bitte keine voreilige Empörung: Dies ist natürlich kein Plädoyer für die (von Christoph Blocher drohend heraufbeschworene) Auflösung der Schweiz in einem übergeordneten Superstaat. So wenig sich der Kanton Glarus 1848 in einem solchen Gebilde „aufgelöst“ hat, so wenig wird dies der Schweiz im Rahmen der EU geschehen. Nach wie vor geniessen die Kantone gegenüber „Bundesbern“ einen hohen Grad an Eigenständigkeit und Selbstbestimmung. Die Glarner empfinden zwar die Richter des Bundesgerichts in Lausanne nicht mehr als „fremde Richter“ – aber in wesentlichen Belangen wie Bildung, Steuern, Raumplanung sind die Kantone zum guten Teil autonom. Und noch viel souveräner – manchmal fast schmerzhaft souverän – sind die Mitgliedstaaten der Europäischen Union gegenüber den Organen in Brüssel.

So viel Selbstbestimmung wie möglich auf der unteren Ebene, auf der oberen nur so viel Regulierung wie nötig: Dieses Prinzip der Subsidiarität und des Föderalismus ist in der Schweiz wie in der EU stets von Neuem in die Tat umzusetzen. Und wer hier die zweifellos noch unzulängliche Demokratie in der EU beklagt, der erinnere sich: Auch unser Land erhielt mit der Verfassung von 1848 noch keine direkte Demokratie. Erst 1874 wurde das Referendum eingeführt, die Volksinitiative gar erst im Jahr 1891 – über 40 Jahre nach der Gründung der modernen Schweiz. All diese schönen Dinge brauchen ihre Zeit. Gut beraten ist, wer ihr Entstehen im Staatenbund mitbestimmt – statt ängstlich oder herablassend von aussen zuzuschauen.

(aus dem „Frutigländer“ vom 9.11.2018)

 

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