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  • 29th November 2017 - 09:46 GMT
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Eine Buchkritik zu Robert Menasses „Die Hauptstadt“ von Nationalrat Tim Guldimann

„Da läuft ein Schwein“, so beginnt Robert Menasses Roman „Die Hauptstadt“. Das Buch erhielt den deutschen Buchpreis 2017.  Das „verdreckte, aber eindeutig rosa Hausschwein“ galoppiert kreuz und quer durch die Brüsseler Innenstadt. Unter den überraschten Zuschauern und angerempelten Passanten sind die Protagonisten des Romans, die aus ihren Ländern mit ganz unterschiedlichen Rollen nach Brüssel gekommen sind. Ihre Handlungsstänge verstricken sich in den Widersprüchen des heutigen Europas.

Am Anfang steht ein politischer Mord. Der Killer Mateusz Oswiecki steht im Dienste des weitläufigsten Informations- und damit Agentennetzes, das in jedem europäischen Dorf über seine gehorsamen Ableger verfügt: Die katholische Kirche. Nur erschiesst der ehemalige Klosterschüler das falsche Opfer und die Tat, deren Spuren bis ins NATO-Hauptquartier deuten, muss „aus höherem Interesse“ aus allen Akten getilgt werden.

David de Vriend, der im Nachbarhaus den Schuss durch die dünne Hauswand hört, ist aber gerade vom herumirrenden Schwein auf der Strasse fasziniert. Als kleiner Bub sprang er aus dem Deportationszug der Nazis, wurde aber dann doch noch ins Vernichtungslager gebracht. Er fristet als einer der ganz wenigen überlebenden Auschwitzopfer seine letzten Tage im Altersheim, bis er vom heutigen Terror, dem islamistischen, in Brüssel niedergestreckt wird.

Professor Erhart aus Wien kommt als Mitglied einer „Reflection Group“ zum Thema „Zukunft Europas“ nach Brüssel. Bei seinem letzten Auftritt ist er dermassen frustriert über die engstirnigen Leerläufe bürokratischer Debatten, dass er ausrastet. „Mässigen Sie sich“, ermahnt ihn wohlwollend ein deutscher Kollege. Für Erhart wird das europäische Projekt durch das fatale Zusammentreffen von Idealisten, Karrieristen und Zyniker blockiert. Der Bluterguss, den er sich beim Sturz, als er dem galoppierenden Schwein ausweichen musste, zugezogen hat, nimmt zusehends die Konturen einer Europakarte an. Doch aus medinzinischen Gründen verweigert sich das Tatoostudio seiner Bitte, die bläuliche Karte auf seiner Haut mit ewigen goldenen Sternen zu versehen.

Auch der Euro-Bürokrat Martin Susman hört den Schuss, wie er einsam in seiner Wohnung über den Senf auf seinem Teller siniert und an den Knall eines Champagnerkorkens denkt. Er wird mit dem Big Jubilee Project zum Anlass des 60-jährigen Bestehens der Europäischen Kommission bauftragt. Dafür will er das europäische Ziel, den Nationalismus zu überwinden, auf die Stunde Null der abendländischen Zivilisation zurückführen: Auschwitz. Doch das Projekt scheitert im Dschungel widersprüchlichen Interessen und Einwände der Brüsseler Bürokratie.

Seine Chefin, Fenia Xenopoulou ist weniger an Projekten als an der eigenen Karriere interessiert, die sie durch nächtliche Kontakte zu einem deutschen Spitzenbürokraten erfolgreich vorantreibt. Dieser gibt ihr den Tip zum grossen Sprung nach oben. Sie soll doch kurzer Hand ihre griechische Staatsbürgerschaft durch jene ihres Geburtsortes Zypern auszutauschen, um einen dem neuen EU-Mitglied zugedachten Spitzenposten zu ergattern. Ihre Loyalitätsbedenken bezüglich Griechenland, dem sie ihren bisherigen Aufstieg verdankt, sind nur von kurzer Dauer.

Menasse ist überzeugter Europäer, seine kritische und geistreiche Beschreibung des Zustands der europäischen Projekts geht anhand der einzelnen Biographien tief in die nationalen Identitäten des europäischen Mosaiks und seiner Geschichte hinein. Diese minutiöse Beschreibung des Scheiterns im Kleinen stimmt nachdenklich über das gefährdete Grosse.

Im Epilog beschreibt Menasse die Kampagne der Lokalzeitung Le Soir: „Brüssel sucht einen Namen für sein Schwein“, das mittlerweile an vielen Orten der Stadt gesichtet worden ist. Verschiedene Namen wurden genannt und dutzendfach geliked. „Aber dann geschah etwas Unfassbares. Hundertfach wurde ein Namen genannt, der sich mit Tausend Likes überlegen an die Spitze des Rankings setzte: Mohammed. (..) Wir stoppen das, sagte der Chefredaktor“.

Sehr lesenswert.

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