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  • 18th February 2016 - 13:43 GMT
Geschichte der europäischen Integration

Europäische Integration : Romain Rolland, «Au-dessus de la mêlée», 1914.

Der französische Schriftsteller und bekennende Pazifist Romain Rolland (1866-1944) war während des Ersten Weltkriegs eine der wenigen Stimmen, welche sich vehement gegen einen Krieg unter den Völkern Europas wehrten. Ursprünglich in Paris wohnhaft, war Rolland in der Vorkriegszeit Dozent für Musikgeschichte an der Sorbonne [1]. Spartanisch lebend hatte sich Rolland einzig dem Geist verschrieben, er las offenbar den ganzen Tag lang und oftmals auch die Nacht hindurch.[2] In jenen Jahren entstand auch sein grosses Romanwerk «Jean-Christophe» mit der Titelfigur des deutschen Komponisten Johann-Christoph Klafft, welcher nach seinen jungen Jahren schliesslich nach Frankreich zieht und dort eine neue kulturelle Heimat findet. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, befindet sich Rolland zufälligerweise in der Schweiz. Überrascht von den Ereignissen bleibt er schliesslich in Genf und findet beim Roten Kreuz eine Arbeit in der humanitären Hilfe. Wenige Wochen nach Kriegsbeginn erscheint im «Journal de Genève» (heute le Temps) eine Artikelserie von Rolland mit dem Titel «Au-dessus de la mêlée» (dt.: Über dem Schlachtengetümmel). Darin zeigt sich der Autor erschüttert von der allgemeinen Kriegsbegeisterung und warnt zu Beginn des Textes davor, dass viele Menschen sterben werden.

«Oh heldenhafte Jugend dieser Erde! Mit welch verschwenderischer Freude begiesst sie doch die hungrige Erde mit ihrem Blut! Welch Ernte toter Opfer unter der Sonne dieses wunderbaren Sommers!… Ihr alle, junge Männer aller Nationen, die ihr unter einem gemeinsamen Ideal zum Kampf gezwungen seid, junge feindliche Brüder (…), wie geliebt ihr mir seid, ihr, die sterben werdet.»

Immer wieder erhält Rolland auch Briefe von patriotisch gestimmten Freunden im Kriegsdienst. In «Au-dessus de la mêlée» richtet sich Rolland schliesslich mit grösstem Zynismus gegen die bedingungslose Haltung, lieber als Held im Krieg zu sterben, anstatt sich gegen den Krieg zur Wehr zu setzen.

«Eure Selbstlosigkeit, eure Unerschrockenheit, euer absoluter Glaube in eure heilige Sache, (…) all dies versichert mir euren Sieg (…). Und wenn auch das Malheur eintreffen sollte, dass ihr geschlagen werdet, und Frankreich mit euch, so ist euer Tod immer noch das Schönste, von dem eine Rasse nur träumen kann. Dieser Tod wird die Krönung des grossen Volkes der Kreuzritter sein. Er wird der letzte Sieg sein. Sieger oder Verlierer, Lebende oder Tote, seid glücklich!»

Für Rolland sind aber nicht primär die jungen Männer, die sich in die Schlachten werfen – werfen müssen -, verantwortlich für das Gemetzel, dass sich in jener Zeit über ganz Europa ausbreitet. Er nimmt die Älteren in die Pflicht, die geistigen Eliten, die Politiker und die Priester.

«Trauen wir uns, den Älteren dieser jungen Menschen, ihren moralischen Führern, ihren Meinungsmachern, ihren religiösen oder weltlichen Oberhäuptern, ihren Kirchen, ihren Denkern und den sozialistischen Tribunen die Wahrheit zu sagen (…). Diese Jugend, begierig sich zu opfern, was habt ihr ihnen, ihrer grossherzigen Hingabe, für ein Ziel gegeben? Das gegenseitige Abschlachten dieser jungen Helden!»

Rolland, der sich ganz als Europäer fühlt, sieht im Weltkrieg eine Katastrophe aufkommen, die das ganze Haus Europa zum Einstürzen bringen wird. Warum wehren sich die Menschen nicht gegen das Gemetzel, fragt Rolland zermürbt.

«Seht ihr denn nicht, dass ein einziger Pfeiler einzustürzen braucht und das ganze Haus über euch zusammenbricht? Ist es unmöglich geworden, dass, wenn ihr euch schon nicht gegenseitig liebt, so doch wenigstens gegenseitig unterstützt in euren Tugenden und in euren Lastern? Und könnt ihr euch nicht zusammenraufen in friedlicher Absicht (ihr habt es, ehrlich gesagt, gar nicht versucht) und die Fragen (…) diskutieren die euch trennen (…)? Kann es wirklich der grösste Traum sein, ununterbrochen seinen stolzen Schatten auf die anderen zu werfen und darauf zu warten, dass diese sich stolz dagegen zur Wehr setzen? Dieses kindliche und blutige Spiel, indem die Gegner von Jahrhundert zu Jahrhundert wechseln, nimmt das denn erst ein Ende wenn die gesamte Menschheit davon aufgezehrt wurde?»

Für den Krieg macht Rolland zwei Gruppierungen in der Gesellschaft verantwortlich, nämlich einerseits die Kirche und andererseits die Arbeiterparteien. Die Festlegung auf diese zwei Gruppen mag verwundern, Rolland zeigt allerdings auf, dass gerade der Verrat an Idealen wie des nationenübergreifenden Christentums und der Sozialistischen Internationalen am schwersten wiegt in diesem Krieg.

«(…) die zwei moralischen Kräfte, von denen dieser ansteckende Krieg am meisten ihre eigene Schwachheit aufgedeckt hat, sind das Christentum und der Sozialismus. Diese rivalisierenden Apostel des Internationalismus, geistig oder weltlich, zeigen sich plötzlich als die grössten Nationalisten.»

Am Verrat ehemaliger Ideale hätten aber letztlich alle teilgenommen, nicht zuletzt auch die Künstler, von denen sich Rolland mehr Mut erhofft hätte, gegen die Kriegstreiberei aufzustehen.

«Die einzelnen Kämpfer mischen sich unter die Metaphysiker, die Poeten, die Historiker. Eucken gegen Bergson. Hauptmann gegen Maeterlinck. Rolland gegen Hauptmann.[3] Wells gegen Bernard Shaw. Kipling und D’Annunzio, Dehmel und De Régnier singen Kriegslieder. Barrès und Maeterlinck intonieren Hassgesänge. Zwischen einer Fuge von Bach und einer lärmenden Orgel: Deutschland über Alles!»

Romain Rolland sieht nur einen Weg, dem Kriegstreiben zu widerstehen. Man müsse sich vom gefährlichen Patriotismus lossagen. Nur wenn die Menschen sich bewusst würden, dass sie gemeinsam den Kontinent Europa bewohnen würden, würde der Krieg seine Dynamik verlieren, gibt sich Rolland überzeugt.

«Kann die Liebe zum Vaterland nur im Hass auf die anderen Vaterländer (…) erblühen? (…) Nein, die Liebe zu meinem Vaterland will nicht, dass ich hasse und dass ich die frommen und treuen Seelen umbringe, die ihr eigenes Vaterland lieben. Sie will, dass ich sie ehre und dass ich versuche, mich mit ihnen zu unserem gemeinsam Wohl zu vereinen. (…) Zwischen uns Menschen des Okzidents gibt es keinen einzigen Grund, Krieg zu führen. Und wenn auch eine durch eine Minderheit vergiftete Presse das Gegenteil sagt, Brüder Frankreich, Brüder Englands, Brüder Deutschlands, wir hassen uns nicht! Ich kenne euch, ich kenne uns. Unsere Völker verlangen nur den Frieden, nur die Freiheit.»

Bereits im September 1914, also zu einem Zeitpunkt, da der Krieg noch wenige Wochen alt ist, wird Rolland bewusst, dass es in naher Zukunft eine Institution brauchen wird, welche die begangenen Kriegsverbrechen untersuchen kann. Er verlangt ein internationales Tribunal, dass über Kriegsverbrechen urteilen soll.

«(…) so sind grosse Verbrechen begangen worden, Verbrechen gegen das Recht, Attentate auf die Freiheit der Menschen und auf die heiligen Tresore des Geistes. Sie müssen gesühnt werden. (…) Aber, um Himmels willen, diese Taten dürfen nicht durch ähnliche Taten gesühnt werden. Keine Vergeltung, keine Repressalien! Diese Wörter sind schrecklich. Ein grosses Volk rächt sich nicht; es stellt das Recht wieder her. (…) Unsere erste Aufgabe in der gesamten Welt ist es daher, die Bildung eines moralischen Hohen Gerichts anzuregen, (…) welches allen Verletzungen an den Rechten der Menschen Sorge trägt und Recht spricht, egal, von woher, aus welchem Lager diese Verletzungen kommen.»

In der neutralen Schweiz wohnend, erkennt Rolland auch die Bedeutung der neutralen Staaten für den Aufbau eines friedlichen Europas. Er verlangt von den neutralen, kriegsverschonten Ländern mehr Zusammenarbeit und mehr Elan, die Ideale eines geeinten Europas weiterzuverfolgen.

«(…) da Untersuchungsausschüsse, die von den Kriegsparteien gegründet wurden, immer suspekt bleiben, müssen die neutralen Länder der alten wie auch der neuen Welt die Initiative ergreifen. Die neutralen Ländern spielen heute eine sehr zurückhaltende Rolle. Sie haben die Tendenz zu glauben, dass ihre Meinung gegen die entfesselten Mächte von vornherein keine Gültigkeit hat. (…) Es fehlt hier schlicht an Mut und an Weitsichtigkeit. Dabei ist diesem Moment ist die Macht der Meinung immens. (…) Dass man dieses Tribunal einmal sehen möge! Trauen wir uns, es zu konstituieren. Ihr kennt die Kraft eurer Moral nicht, oh Menschen schwachen Glaubens! Und sollte es tatsächlich ein Risiko geben, könnt ihr es nicht eingehen für die Ehre der Menschheit? Welcher Preis hat denn das Leben, wenn ihr, um es zu retten, den ganzen Lebensstolz vergesst!…»

Die Schweiz zeige deutlich, wie ein neues Europa aussehen könnte, schreibt Rolland. Die Vielfalt sei ein Teil Europas und in der Schweiz werde gezeigt, dass verschiedene „Rassen“ friedlich miteinander leben können.

«Ich sehe, wie meine geliebte Schweiz um mich herum erbebt. Ihr Herz ist in Sympathien für verschiedene Rassen geteilt. Sie ächzt darunter, nicht frei unter ihnen entscheiden zu können, sie auch nicht frei zeigen zu können. Ich verstehe ihre Pein, aber sie ist segensreich; und ich hoffe, sie kann sich aufrichten und kann sich erfreuen an der Harmonie der Rassen, was ein grossartiges Beispiel für ganz Europa sein wird.»

Für seine kompromisslose Haltung erhielt Romain Rolland im Verlaufe des Krieges immer mehr Beachtung, was sich auch in den deutlich sich steigernden Verkaufszahlen seines Romanes «Jean-Christophe» ablesen lässt. In seinen zynischen Worten («Lebende oder Tote, seid glücklich!») hallt aber die grosse Verletzlichkeit des Lebens wider, über die Rolland zeitlebens so besorgt war und die zu schützen ihm sein grösstes Anliegen war. Nach seinem Tod 1944 geriet Romain Rolland mehr und mehr in Vergessenheit und wird heute kaum mehr gelesen.

 

 

[1] Der ganze Text ist kürzlich von Le Temps veröffentlicht worden: https://www.letemps.ch/culture/2014/09/19/dessus-melee-manifeste-pacifiste-romain-rolland-1914, Gesehen am 18.02.2016.

[2] Siehe: Zweig, Stefan, Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, Stockholm, 1944, S. 151-152.

[3] Rolland nimmt hier Bezug auf einen Streit zwischen ihm und dem deutschen Schriftsteller Gerhart Hauptmann. In einem Brief an Hauptmann verteidigt sich Rolland für seine Haltung gegen den Krieg: Rolland, Romain, An open Letter to Gerhart Hauptmann, 29. August 1914, in: Rolland, Romain, Above the Battle, Chicago 1916, http://library.umac.mo/ebooks/b28121004.pdf, Gesehen am 18.02.2016, S. 10-12.

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