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  • 10th March 2016 - 11:41 GMT
Geschichte der europäischen Integration

Friedrich Dürrenmatt

Die Idee, Friedrich Dürrenmatt in die Galerie der «europäischen Persönlichkeiten» aufzunehmen, bedarf einer kurzen Erklärung. Tatsächlich ist auf den ersten Blick nicht erkennbar, worin das spezifisch «Europäische» der Gedanken Dürrenmatts liegt. Die heutige Rezeption versteht die Werke Dürrenmatts vor allem als Spiegelbild einer provinziellen, urtümlichen Schweiz. Es stimmt natürlich, dass Dürrenmatt «gerne Schweizer»[1] war und sein Leben lang die Grenzen seiner Heimat kaum einmal verlassen hat. Trotz dieser Provinzialität schaut Dürrenmatt als kritischer Denker immer wieder über den Tellerrand hinaus und entwirft in seinen «Stoffen», wie er selbst seine Stücke nannte, das Bild einer international vernetzten und verantwortungsbewussten Schweiz. Diese Schweiz könne Europa auch als Vorbild dienen, so Dürrenmatt in einem Gespräch mit dem Schweizer Diplomaten Alfred Defago.

«Die Schweiz ist etwas, das historisch aus ganz bestimmten Gründen entstanden ist. (…) Die Schweiz ist ein Staatenbund und vor allem ein Kunststaat. Und wenn man das einmal begriffen hat, muss man sagen, ist die Schweiz etwas sehr Modernes und könnte etwas sehr Modernes sein. Wenn Sie zum Beispiel die heutige Europafrage nehmen: Europa kann ja nicht zu einer Nation gemacht werden, es müsste also irgendwie zu einer Art Schweiz gemacht werden.» (Eine Schweiz zu feiern?, Gespräch zum 1. August mit Alfred Defago, S. 198)

Bei der genaueren Durchsicht verschiedener Texte von Dürrenmatt fällt ein Arbeitsmuster besonders ins Auge: Ausgehend von kleinen Begebenheiten, von lokalen oder auch kantonalen Ereignissen, versucht Dürrenmatt immer wieder auf das grosse Ganze, etwa auf Europa, zu schliessen. Dürrenmatt betont zwar die Wichtigkeit von Lokalität und Regionalität, gleichzeitig warnt er aber auch vor politischer Engstirnigkeit und der typisch schweizerischen Bedächtigkeit.

«Die Schweiz, die nicht mehr imstande ist, sich einen neuen Sinn zu geben, löst sich auf, weil ihre alte Aufgabe in einem veränderten Europa weitgehend ihren Sinn verloren hat. (…) Europa rückt zusammen. Ohne neue Aufgabe fällt die Schweiz (…) ihrer eigenen Zentrifugalkraft zum Opfer, der Berner Jura ist ein Indiz dafür.» (Zur Dramaturgie der Schweiz, S. 154)

So ist denn für Dürrenmatt die politische Arbeit vor allem auch eine Frage der Weitsichtigkeit. Politik brauche eine Vision, sie müsse für Neuerung kämpfen und nicht stets das Alte bewahren. Wer in der Politik zu spät komme, der verliere an Freiheit, weil Neuerungen schliesslich doch irgendeinmal übernommen werden müssten. Die Demokratie sei entscheidende politische Form zur Erneuerung.

«Man gibt in der Politik allzugern dem notwendigen Neuen erst nach, wenn es für eine Erneuerung des Alten zu spät ist. Eine Politik, die zu spät kommt, kommt bloss rechtzeitig zu ihrer Beerdigung. Unsere Freiheit läge darin, freiwillig das notwendige Neue zu tun, bevor wir es gezwungenerweise tun müssen. Doch wird freiwillig nur etwas getan, wenn die Einsicht in dessen Notwendigkeit vorhanden ist, aber die Einsicht allein genügt nicht, es braucht auch Spass dazu, etwas freiwillig zu wollen. Spass an der Demokratie ist Spass am Neuen, oder, ohne Spass am Neuen gibt es keine Demokratie.» (Spass an der Schweiz, S. 47)

Eine weitere zentrale Auseinandersetzung in Dürrenmatts politischem Denken ist die Frage des Föderalismus. Er sieht viele Vorteile im Föderalismus, beobachtet allerdings – ausgehend von der seinerzeit wichtigsten politischen Frage seines Heimatkantons Bern, der «Jurafrage» – auch Gefahren des Föderalismus.

«Der Jurakonflikt ist im tiefsten eine Donquijoterie, und solche Dinge lassen sich nicht vernünftig lösen, sondern nur unvernünftig; im Jurakonflikt leistet sich der kranke Föderalismus ein Satyrspiel, möge es nur nicht sein Abgesang werden.» (Die Schweiz als Wagnis, Gespräch mit Alfred A. Häsler, S. 120)

Föderalismus kann laut Dürrenmatt nur im Zusammenspiel mit dem Zentralismus funktionieren. Die Dialektik Föderalismus – Zentralismus: Ein interessanter Gedanke, gerade auch heute mit Blick auf die EU und die Diskussionen um das «Bürokratiemonster Brüssel» und die Forderung eines föderalen Europas. Und auch hier wieder sieht Dürrenmatt, trotz der Schwierigkeiten im Jurakonflikt, die Schweiz als ein musterhaftes politisches Gebilde.

«Der Föderalismus ist das notwendige Gegengewicht zum Zentralismus. Ich halte die Dramatik Föderalismus-Zentralismus für wichtig. Nur Föderalismus ist tödlich, nur Zentralismus langweilig. Die heutige Schweiz stellt einen Rahmen dar, in welchem sich gut spielen lässt; das Spielfeld ist nicht schlecht abgesteckt.» (Die Schweiz als Wagnis, Gespräch mit Alfred A. Häsler, S. 121-22)

Auch ein anderes Thema lässt Dürrenmatt keine Ruhe: Die Neutralität. Immer wieder äussert er sich über diese «politische Haltung eines Kleinstaates» (S. 123). Für ihn bedeutet Neutralität aber nicht ein politisches Abseitsstehen, sondern im Gegenteil, die aktive Teilnahme an der internationalen Politik.

«Der Neutrale ist möglichst ungefährlich und möglichst nützlich. Neutralität ist eine List, sie gehört zur Kunst des Kleinstaates, durch die Welt zu kommen. (…) In Wirklichkeit ist die Formel der Neutralität politisch kühl und berechnend. Die Schweiz könnte politisch entschlossener handeln, als sie das meistens tut. Neutralität gestattet ein politisches Mitspielen oder ein politisches Passen je nach Fall. (…) Wir sollten ein Beispiel sein. Nicht ein allgemeines, sondern ein spezielles. Vielleicht sage ich lieber, wir sollten zur internationalen Politik Einfälle beisteuern.» (Die Schweiz als Wagnis, Gespräch mit Alfred A. Häsler, S. 123)

Die in der Schweiz herrschende Passivität gibt Dürrenmatt zu denken. Sobald es irgendwo schwierig werde, berufe sich die Schweiz auf die Neutralität. Sie verkleide sich als Lamm, sei in Wirklichkeit aber genauso ein Wolf wie alle anderen Staaten auch. Diese Täuschung findet Dürrenmatt moralisch verwerflich.

«Jeder Staat besitzt eine Ideologie, die das Resultat seiner ökonomischen, internationalen, historischen und emotionalen Struktur ist. Die Ideologie der Schweiz besteht darin, dass sie sich passiv stellt. Die Schweiz ist ein Überwolf, der sich, indem er sich als neutral erklärt, als ein Überlamm deklariert.» (Helvetisches Zwischenspiel, S. 182)

Dürrenmatt gibt sich überzeugt, dass die Neutralität die Schweiz nicht vor einer aktiven Teilnahme an der europäischen Politik hindern dürfe. Überhaupt dürfe die Neutralität nicht als Vorwand für eine passive Politik missbraucht werden. Die Schweiz habe gerade als neutraler Kleinstaat eine besondere Verantwortung, erklärt Dürrenmatt. Der Schriftsteller erkennt, dass die Schweizer Neutralität eine Art Zugeständnis der europäischen Grossmächte an die Schweiz darstellt. Dieses Zugeständnis müsse daher immer wieder von Neuem verdient werden.

«Jeder Staat hat seine besondere Aufgabe zu erfüllen und hält eine besondere Stellung innerhalb der Staaten inne. (…) Was heute in Europa geschieht, vermögen wir noch nicht abzuschätzen, aber die Frage ist am Platze, ob die Schweiz im neuen Europa überhaupt noch notwendig sein wird. (…) Die historische Aufgabe der Schweiz, die Alpenpässe zu hüten, genügt nicht mehr, ihr Dasein notwendig zu machen. (…) Es sind viele die glauben, eine neutrale Schweiz werde alle Gefahren überleben. (…) Wenn die Vereinigten Staaten Europas ins Leben gerufen werden, wird die Schweiz in diesem neuen Grossstaat aufgehen müssen. Neutralität ist eine Form der Politik und nicht ein Glaubensbekenntnis. Eine Neutralität des Herzens gibt es nicht bei Menschen aus Fleisch und Blut. Politische Formen müssen geändert werden, wenn die Lage es erfordert. Vor allem lehnen wir entschieden eine Neutralität ab, die den Bürgern ein bequemes Spiesserdasein gewährt. (…) Nur eine Neutralität hat Sinn, die für Europa nützlich ist.» (Vom Ende der Schweiz, S. 238-241)

Neutralität als Vertrauensbeweis der europäischen Grossmächte: Was für ein spannender Gedanke in einer Zeit, da von der Schweiz immer wieder neue Forderungen an die EU gestellt werden! Aus diesem Gedanke heraus entwickelt Dürrenmatt schliesslich eine zentrale Forderung, die aktueller nicht sein könnte:

«Die Neutralität ist ein Vorrecht, das wir uns verdienen müssen, indem wir helfen. Darum ist es unsere Pflicht, die Menschen aufzunehmen, die an unsere Grenzen kommen, sollten wir auch weniger zu essen haben. Nur eine Schweiz, die den Flüchtlingen jeden Schutz und jede Hilfe gewährt, die irgendwie möglich ist, hat ein Anrecht da zu sein. Es ist unser erstes politisches Gebot, zuerst an andere zu denken und dann an uns. (…) Kein Staat fusst so sehr auf der Gerechtigkeit wie die Schweiz. Nur in der Gerechtigkeit ist eine Freiheit möglich, die nicht Willkür ist. Gerechtigkeit ist die höchste Aufgabe der Schweiz. (…) Es ist Sache des Staates, die Gerechtigkeit zu verwirklichen. (…) Es wird sich entscheiden, ob die Schweiz ein moderner Staat sein kann oder veraltet. Wir müssen begreifen, dass wir an einem Wendepunkt der Geschichte stehen. Eine zukünftige Schweiz ist nur als sozialster Staat der Welt denkbar, sonst wird sie als Kuriosum gelegentlich im Geschichtsunterricht späterer Generationen erwähnt werden. Eine soziale Schweiz zu errichten ist nicht Sache der Ausländer, und keine Siege irgendwelcher Völker über andere entscheiden darüber, auch nicht die Russen: es ist unsere Sache.» (Vom Ende der Schweiz, S. 238-241)

Es bleibt zu hoffen, dass sich die Schweiz auf ihre Stärken und auf ihre Verantwortung in der europäischen Wertegemeinschaft besinnt. Hoffen wir, dass sich die Schweiz nicht weiter in die Richtung eines «Stalles von Augias» begibt, wo der Mist immer höher steigt und schliesslich Herkules aus der Fremde als Ausmister gerufen werden muss.[2] Sicher hätte Friedrich Dürrenmatt in der schweizerischen Europapolitik mehr Mut gefordert. Denn, wie lässt er Herkules schliesslich so schön sprechen:

Herkules: müde «Dieses Land bringt mich noch um den Verstand, diesen warmen Dampf über allen Dingen halte ich nicht mehr aus!» (Von heiligen Gütern, S. 94)

 

 

 

 

[1] Alle hier aufgeführten Zitate stammen aus folgendem Buch: Arnold, Heinz Ludwig et. al., Friedrich Dürrenmatt. Meine Schweiz, ein Lesebuch, Zürich 1998. Titel der Geschichte und Seitenzahlen im Buch «Meine Schweiz» werden in Klammern hinter dem Zitat wiedergegeben.

[2] «Herkules und der Stall des Augias» ist nach Angaben von Friedrich Dürrenmatt eines seiner besten Dramen. Die eigensinnigen Elisier sind im Stück nicht mehr Herr der Lage und lassen den Kuhmist steigen und steigen. Augias, der Präsident der Elisier ruft schliesslich Herkules als «Oberausmister» zu Hilfe.

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