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  • 24th July 2015 - 09:56 GMT
Geschichte der europäischen Integration

Hannah Arendt (1906-1975), kontroverse Denkerin der Nachkriegszeit

Text von Felix Brun, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Nebs.

Mit ihrer Auseinandersetzung über den Eichmann-Prozess in Jerusalem im Jahr 1961 sorgte die deutsch-amerikanische Philosophin Hannah Arendt für heftige Kontroversen. Sie verurteilte den Prozess als Schauprozess des noch jungen Staates Israel und sah in Eichmann vor allem einen Handlanger des nationalsozialistischen Systems, nicht aber in erster Linie einen Täter. Die Berichte zum Prozess zeigen Arendt in all ihren Facetten: Mit viel Mut zur Gerechtigkeit und mit einer Beobachtungsgabe die ihresgleichen sucht.[1]

Mit dem europäischen Kontinent, mit seiner Geschichte und seiner Verantwortung hat sich Arendt ihr Leben lang auseinandergesetzt. Bereits Anfang der 1930er Jahre hat sie sich als Jüdin intensiv mit der Geschichte der europäischen Juden auseinandergesetzt. Der Antisemitismus blieb schliesslich für Arendt ihr Leben lang eine entscheidende Frage. Hauptelement des Antisemitismus ist für Arendt die Diskrepanz zwischen einer nationalstaatlichen Bevölkerung einerseits und einem lose in Europa verteilten Volk – den Juden – andererseits. Diese Diskrepanz konnte auch durch die Assimilation der Juden in den nationalen Gesellschaften nicht überwunden werden, im Gegenteil:

 

«der politische Antisemitismus hatte seine reale Basis in der Tatsache, dass die Juden fortfuhren, einen mehr oder minder geschlossenen Körper innerhalb der Nation zu bilden; das gesellschaftliche Vorurteil wuchs in dem Masse, in welchem Juden aufgrund ihrer assimiliertet in die bürgerliche Gesellschaft einzudringen wünschten.» (Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft, S. 138)[2]

 

Die immer wiederkehrenden Bemühungen menschlicher Gesellschaften, Individuen oder auch ganze Gruppen von einer bestimmten Ordnung auszuschliessen, stellen in Arendts Auseinandersetzungen mit dem Antisemitismus und dem daraus folgenden Holocaust ein eigentliches Leitmotiv dar. Die weitreichendste Form, Menschen von der Gesellschaft auszuschliessen, ist ihre Entrechtung. Für Arendt ist erst durch die Entrechtung der Menschen der Holocaust überhaupt möglich geworden.

 

«die Minderheiten Ost- und Südeuropas und die staatenlosen, (…) haben den Zerfalls Prozess insofern ausserordentlich beschleunigt, als die nationalstaatliche Lebensform nun immer grössere Gruppen europäischer Menschen ausschloss und in ein Niemandsland verwies, in dem es weder Recht noch Gesetz, noch irgendeine Form geregelten menschlichen Zusammenlebens gab.» (Elemente totaler Herrschaft, S. 563)

 

Mit dieser Entrechtung ging nicht nur der Verlust der Souveränität des jüdischen Volkes einher. Schlimmer und für die totale Herrschaft wichtiger war laut Arendt, dass die betroffenen Menschen

 

«ein Recht verloren, das man stets für unveräusserlich, von spezifisch politischen Umständen abhängig gehalten hatte: sie hatten die sogenannten Menschenrechte verloren.» (Elemente totaler Herrschaft, S. 562)

 

Arendt betont, dass der Verlust der Menschenrechte stets die Unschuldigen getroffen habe: Flüchtlinge und Staatenlose, von denen ein Grossteil Juden gewesen sind. Nichts sei einfacher gewesen, als die Unschuldigen zu Schuldigen zu machen, da sie sich am wenigsten wehren konnten.

 

«es gehört zu den Aporien moderner Erfahrung, dass es offenbar leichter ist, den völlig unschuldigen seiner juristischen Person zu berauben als irgendeinen anderen, leichter als den politischen Gegner oder den Verbrecher (…).» (Elemente totaler Herrschaft, S. 610)

 

Die Bedeutung dieser Worte kann heute in Europa, aber vor allem aber auch in der Schweiz, nicht hoch genug geschätzt werden. Wenn man sich die Diskussionen zur aktuellen Flüchtlingspolitik vergegenwärtigt, muss man feststellen: Siebzig Jahre nach dem Holocaust versuchen sich national orientierte Kreise wieder an der Abschaffung der Menschenrechte. Dies geschieht einerseits in ganz offensichtlicher Weise, nämlich in der von der SVP verlangten Kündigung der europäischen Menschenrechtskonvention. Andererseits gibt es aber auch eine subtilere Möglichkeit, die Menschen-rechte abzuschaffen, und zwar, wie von Arendt richtig analysiert, durch die Entrechtung der Menschen. Die Kriminalisierung der Flüchtlinge in der Schweiz – man denke beispielsweise an das Verbot der Erwerbstätigkeit – muss als Versuch betrachtet werden, die Menschenrechte zu hintertreiben.

Tatsächlich hat Hannah Arendt die Menschenrechte kritisiert, aber sie hat nicht ihre Existenz kritisiert, sondern ihre Umsetzung. Aufgrund ihrer Erfahrungen haben für Arendt die Menschenrechte nicht halten können, was sie versprachen: Den Menschen zu schützen.

 

«vor der abstrakten Nacktheit des Menschseins hat die Welt keinerlei Ehrfurcht empfunden; die Menschenwürde war offenbar durch das blosse auch-ein-mensch-sein nicht zu realisieren.» (Elemente totaler Herrschaft, S. 620)

 

Dieses Trauma, dass der Mensch als nackter Mensch nicht überleben durfte, dass der nackte Mensch nicht einmal eine Möglichkeit hatte, sich zu schützen, war die treibende Kraft hinter allen Auseinandersetzungen, die Arendt geführt hatte. Aus diesem Trauma zog sie schliesslich zwei Schlüsse: Erstens ist es nicht entscheidend, welche Menschenrechte ausgerufen werden. Entscheidend ist für Arendt nur das Recht, Rechte zu haben.

 

«dass es so etwas gibt wie ein Recht, rechte zu haben – und dies ist gleichbedeutend damit, in einem Beziehungssystem zu leben, indem man aufgrund von Handlungen und Meinungen beurteilt wird – , wissen wir erst, seitdem Millionen von Menschen aufgetaucht sind, die dieses recht verloren haben (…).» (Elemente totaler Herrschaft, S. 614)

 

Die zweite Schlussfolgerung Arendt bezieht sich auf die Organisationsform der Staaten. Weil der Nationalstaat den Holocaust möglich gemacht hat, muss sich Arendt konsequenterweise von ihm entfernen. In einem Brief an ihren engen Vertrauten Erich Cohn-Bendit schreibt sie bereits 1940:

 

«Es scheint mir keine Utopie, auf die Möglichkeit eines Nationenverbandes mit europäischen Parlament zu hoffen (…).»[3]

 

Der föderale Gedanke war für Arendt immer sehr wichtig. In einem Interview legt Arendt dar, dass sogenannte „Wards“ (Wahlbezirke, Gemeinden) bereits während der Gründung der USA sehr wichtig waren. Thomas Jefferson ging davon aus, dass die Unterteilung des Staates in kleinere Einheiten den Menschen die grösstmögliche Freiheit biete, was Arendt «sehr interessant» findet.[4]

Als Europäerin oder Europäer kann man also weiterhin viel von Hannah Arendt lernen. Ihr Werk ist so umfassend, dass man sich jahrelang damit auseinandersetzen könnte. Ein letzter Punkt soll hier aber angesprochen werden: Hannah Arendts Mut und Willen zur Vergebung. Mit ihrem Bericht über Adolf Eichmann (sie hat zwar die Todesstrafe für Eichmann befürwortet, hat aber trotzdem versucht, den Menschen Eichmann und nicht das Monster Eichmann zu zeichnen), aber auch mit in ihrer persönlichen Beziehung zu Martin Heidegger hat Arendt gezeigt, dass sie zur Vergebung fähig ist. Für sie ist nämlich die Vergebung nichts geringeres als

«der Schlüssel zum Handeln und zur Freiheit.»[5]

Wenn man sich die europäische Integration als einen Willen zur Vergebung vorstellen, so ist man Hannah Arendt näher als man anfänglich vielleicht gedacht hat. So ist also, um es in den Worten des ehemaligen Kommissionspräsidenten der Europäischen Gemeinschaft, Jacques Delors, zu sagen,

«dieses Europa, das Europa der Freiheit und des Friedens, (…) niemals nur ein Europa Macchiavellis oder Metternichs (…). es ist auch das Europa von Hannah Arendt, die von verzeihen und versprechen gesprochen hat.»[6]

 

 

[1] Die Kritik an Arendts Berichterstattung betraf vor allem ihre nonchalante Art, über den Verbrecher Eichmann zu schreiben. So hat sie ihn beispielsweise als „Hanswurst“ bezeichnet, was natürlich eine provozierende Verharmlosung darstellte. Ebenso hat Arendts Kritik an der Rolle der Judenräte wiederum heftige Kritik hervorgerufen. Tatsächlich verblüfft die Behauptung Arendts, die Judenräte seien für die Vernichtungspolitik der Nazis mitverantwortlich gewesen, bis heute. Es bleibt schwierig zu beurteilen, wie man sich in einem totalitären System und von der eigenen Vernichtung bedroht, „am besten“ zu verhalten hat.

[2] Arendt, Hannah, Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft. Antisemitismus, Imperialismus, totale Herrschaft, Orig.: The Origins of Totalitariananism, übersetzt von Hannah Arendt, 7. Auflage, Piper Verlag, München, 2000.

[3]Arendt, Hannah, Brief an Erich Cohn-Bendit, in: Heuer, Wolfgang, Europa und seine Flüchtlinge. Hannah Arendt über die notwendige Politisierung von Minderheiten, Hannah-Arendt-Haus,http://www.ha-bib.de/debatte/heuer.htm, Gesehen am 22.07.2015.

[4]Schmid, Carlo, Das Recht auf Revolution. Gespräch zwischen Prof. Dr. Carlo Schmid und der Philosophin Hannah Arendt (1965), HannaArendt.net, Zeitschrift für politisches Denken,http://www.hannaharendt.net/index.php/han/article/view/296/423, Gesehen am 22.07.2015.

[5]Beispielsweise auf http://gutezitate.com/zitat/235993, Gesehen am 22.07.2015.

[6]Delors, Jacques, Europa auf dem Weg zur politischen Union,http://www.kas.de/upload/Publikationen/Europa_Einheit_Delors.pdf, Gesehen am 22.07.2015.

 

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