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  • 9th June 2016 - 11:55 GMT
Geschichte der europäischen Integration

Simone Veil: Jüdin, Französin, Politikerin, Mutter

Simone Veil (*1927)[1]: Jüdin, Französin, Politikerin, Mutter. Die plakative Auswahl dieser Attribute ist natürlich nicht willkürlich gewählt. In ihrer Autobiografie zeigt uns Simone Veil, wie sehr diese Begriffe zu ihrem aussergewöhnlichen Leben gehören. Als jüdisches Kind in einer gutbürgerlichen Familie aufgewachsen, erlebte Simone Jacob, wie sie ledig hiess, eine wohlbehütete, aufregende Kindheit inmitten dreier älterer Geschwister. Wehmütig denkt sie an diese alten Zeiten zurück:

«Wenn ich an diese glücklichen Jahre vor dem Krieg zurückdenke, empfinde ich eine tiefe Nostalgie. Ich kann dieses Glück kaum in Worte fassen, es bestand aus einer ruhigen Ambiance, aus kleinen Nichtigkeiten, dem Vertrauen unter uns Kindern, aus Lachern, kurz: Aus Momenten die ich nie mehr vergessen werde.» (S. 27)

Nur etwas konnte das kleine Mädchen verunsichern, und das war die tiefe Abneigung ihres Vaters gegenüber allem Deutschem. Der Vater, Kriegsveteran und patriotisch gesinnt, glaubte nicht an eine Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland.

«Er glaubte nicht an eine Versöhnung im Sinne Aristide Briands.» (S. 17)

Lebhaft erzählt die heute viel beachtete und bewunderte Frau von ihrer Jugend im Nizza der dreissiger Jahre, von ihren Schulfreundinnen, von ihren ersten Auseinandersetzungen mit ihrem Vater, von dessen Arbeit als Architekt, der bald immer mehr in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Doch es sind nicht die finanziellen Schwierigkeiten ihres Vaters, welche das Kind am meisten in seiner Entwicklung bedrohen. Ja, man ahnt es, in Deutschland wächst ein dunkler, schwarzer Schatten heran, der schliesslich alles Fröhliche und jegliche Unbekümmertheit der jüdischen Familie zu vernichten droht: Der Nationalsozialismus und damit die wahnhaften Rassenvorstellungen eines Adolf Hitlers werden mehrheitsfähig. Bald herrscht Krieg und bald ist Frankreich in zwei Zonen geteilt, in eine von Deutschland besetzte, und in eine freie. Nizza wird von den Italienern besetzt und ab 1941 müssen sich auch dort die Juden als solche zu erkennen geben. Und dann geht plötzlich alles rasend schnell:

«Die Italiener unterzeichneten nach der Niederlage von Mussolini im Sommer 1943 ein Waffenstillstandsabkommen und verliessen die Region. Eintritt in die Katastrophe. Am 9. September 1943 kommt in Nizza die Gestapo noch vor der deutschen Wehrmacht an die Macht und installiert sich im Hotel Excelsior. Ohne Vorwarnung beginnt die Jagd auf die Juden der Stadt, eine Jagd, die von den Italienern strikt abgelehnt wurde.» (S. 45)

Ein halbes Jahr später wird Simone Jacob trotz eines gefälschten Passes von der SS aufgespürt und verhaftet. Wenige Stunden später finden sich die Mutter und der Vater, sowie die Kinder Madeleine, Jean und Simone auf dem Polizeiposten wieder. Von der anderen Schwester Denise fehlt jede Spur. Die Familie wird nach Drancy überführt und dort getrennt: Vater André und Bruder Jean werden in Drancy behalten, die drei Frauen werden nach Auschwitz „verladen“. Die Reise brennt sich zusammen mit zwei anderen wichtigen Daten in das Gedächtnis von Simone ein:

«Die Reise dauerte zweieinhalb Tage ; vom Morgen des 13. April bis am Abend des 15. April in Auschwitz-Birkenau. Dieses Datum werde ich nie mehr vergessen können, ebenso wenig wie den 18. Januar 1945, der Tag, an dem wir Auschwitz verliessen und den 23. Mai 1945, der Tag unserer Rückkehr nach Frankreich.» (S. 64)

Es folgt ein Martyrium wie es Hunderttausende von jüdischen Familien erleben mussten. Vernichtungslager Auschwitz: Kampf gegen Hunger und Durst, Kampf gegen Krankheiten, Kampf gegen Erschöpfung, Kampf gegen die sogenannten Kapo’s, die lagerintern für Ruhe sorgen sollen, Kampf gegen die Zeit und Kampf gegen die eigene Psyche. Die Mutter wird den Kampf verlieren und an Tuberkulose sterben, das Schicksal von Vater und Bruder kann nicht restlos geklärt werden, sicher ist, sie tauchen nach dem Krieg nicht wieder auf. Doch mit der Befreiung von Auschwitz ist der Kampf der Überlebenden nicht fertig ausgestanden. Es folgt ein Kampf um Anerkennung, ein Kampf ums Gehört werden.

«Wir wollten darüber sprechen, aber niemand wollte uns hören. Das habe ich seit unserer Rückkehr immer wieder erfahren : Dass sich niemand dafür interessiert, was wir durchmachen mussten.» (S. 106)

Die ältere Schwester Denise hat den Krieg im Widerstand überlebt, obwohl auch sie zwischenzeitlich ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert wurde. Doch bald donnert ein weiterer Schicksalsschlag auf Simone und Denise nieder: Die älteste Schwester Madeleine und ihr Sohn Luc kommen 1952 bei einem Autounfall ums Leben. Doch Simone, mittlerweile mit Antoine Veil verheiratet und Mutter von drei Buben, gibt nicht auf. Sie kämpft weiter. Ein Ideal scheint sie zu leiten, das Ideal eines friedlichen Europas.

«Wir waren überzeugt : Wenn die Sieger von 1945 nicht so schnell wie möglich die Versöhnung mit Deutschland vorantreiben, so werden die Wunden eines bereits in Ost und West geteilten Europas niemals vernarben und die Welt wird in einen neuen Konflikt hineingeraten, der noch viel vernichtender sein wird als alle Vorangehenden. Diese Meinung ist übrigens von vielen anderen Opfern des Zweiten Weltkrieges geteilt worden, von ehemaligen Kriegsgefangenen und von Deportierten, welche in der Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich die einzige Möglichkeit sahen, die Seite des Horrors zu wenden, den sie erlebt hatten.» (S. 145)

Ehrgeizig verfolgt Simone Veil ihre Ziele und schafft es, man kann es kaum glauben, bald in das Gesundheitsministerium der französischen Republik, wo sie unter dem frisch gewählten Präsidenten Valéry Giscard-d’Estaing als Ministerin amtet. Dort angekommen, kämpft sie für die Abtreibungslegalisierung und begibt sich damit im konservativen Frankreich unter dem Einfluss der Katholischen Kirche und der Gaullisten in die Höhle des Löwen. Sie kämpft sozusagen an mehreren Fronten gleichzeitig:

«Ich werde hier nichts verschweigen : In diesem konservativen Milieu wurden mir gleich drei Schwächen nicht verziehen. Ich war erstens eine Frau, zweitens trat ich für die Legalisierung der Abtreibung ein und drittens war ich eine Jüdin.» (S. 192)

Doch nicht nur im Gesundheitsministerium gibt es viel zu tun, die europäische, politische Grosswetterlage verändert sich in den 1950er wie kaum zuvor. 1957 werden die Römischen Verträge unterzeichnet und damit die Zusammenarbeit in wirtschaftlichen Belangen zwischen Deutschland, Holland, Belgien, Luxemburg, Italien und Frankreich vertieft. Simone Veil ist begeistert, wie viele andere Zeitgenossen auch.

«Das war wirklich eine glückliche Zeit, als die europäische Konstruktion Fahrt aufnahm. Viele Befürworter dieses Prozesses sahen eine Zukunft vor sich, die in den Farben ihrer Hoffnungen erstrahlte. Man zweifelte nicht daran, dass die Völker sich hinter diese Vision stellen würden.» (S. 224)

Hat Simone Veil in ihren jungen Jahren eine Katastrophe nach der anderen erlebt, so scheint sich nun das Blatt endgültig zu ihren Gunsten gewendet zu haben. Durch ihre Arbeit als Gesundheitsministerin bestens vernetzt und bekannt, wird sie schliesslich – zweifellos die Krönung einer Karriere die hier nur kurz umrissen werden kann – von Valéry Giscard d’Estaing als Kandidatin zur Präsidentschaft des Europäischen Parlamentes vorgeschlagen und mit einer knappen Mehrheit in dieses Amt gewählt. Für Giscard d’Estaing die einzig richtige Wahl, wie Simone Veil in ihrer Autobiografie schreibt:

«Aber Valéry Giscard d’Estaing hatte alle Register gezogen. Angesichts meiner Vergangenheit sah er in meiner Kandidatur ein Symbol der deutsch-französischen Versöhnung und die beste Möglichkeit, die Kriege endlich hinter sich zu lassen. Das hat er auch vor seinen politischen Partnern immer wieder betont.» (S. 225)

In ihrer Antrittsrede erklärt Veil den Anwesenden Politikerinnen und Politikern die Vision eines geeinten, friedlichen Europas zu ihrer Hauptaufgabe. Die friedlichen Zeiten dürften nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Erhaltung des Friedens eine stets andauernde Arbeit sei und immer wieder von neuem bekräftigt werden müsse, so Veil.

«Die friedliche Situation, wie sie heute in Europa vorherrscht, ist ein aussergewöhnliches Gut. Niemand von uns darf aber vergessen, wie zerbrechlich diese Situation nach wie vor ist.» (S. 394)

Der Aufgaben im europäischen Parlament gab es viele. Da waren beispielsweise interne Streitigkeiten mit Dänemark und Grossbritannien, beinahe fühlt man sich beim Durchlesen an heutige Zeiten – Stichwort Brexit – erinnert. Zu denken gab Veil auch der Aufstieg des Front National in den 1980er Jahren, auch hier möchte man an heute erinnern. Und dann kam schliesslich noch das französische Referendum zur europäischen Verfassung im Jahr 2005, zur Zeit, als Veil an ihrer Autobiografie schrieb. Zum ersten Mal in ihrem langen politischen Leben scheinen Veil Zweifel an der Widerstandsfähigkeit des europäischen Projektes zu beschleichen.

«Bis heute, und seit einem halben Jahrhundert, hat Frankreich zusammen mit Deutschland immer den eigentlichen Motor der europäischen Einigung dargestellt. Jetzt lähmt Frankreich nicht nur die europäische Konstruktion, sondern auch sich selbst.» (S. 320)

Doch Simone Veil wäre nicht Simone Veil, wenn sie nicht mehr kämpfen würde. Und so fordert sie von den Europäerinnen und Europäern dasselbe, was sie von sich selbst immer verlangt hatte: Einen bedingungslosen Kampf für Gerechtigkeit und Frieden.

«In den verschiedenen Funktionen die ich innehatte, in der Regierung, im Europäischen Parlament, im Verfassungsrat, hab ich mich immer kompromisslos und mit allen meinen Kräften für die Prinzipien eingesetzt, die mein Leben bestimmten: Für die Gerechtigkeit, für den Respekt vor den Menschen, für die Wachsamkeit gegenüber der gesellschaftlichen Entwicklung.» (S. 327)

Diesen Kampf, ist man versucht zu sagen, sind wir Simone Veil schuldig.

 

[1] Alle Zitate aus: Veil, Simone, Une vie. Autobiographie, Versailles, 2008. Übersetzung: Felix Brun.

 

 

 

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