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  • 5th July 2016 - 07:48 GMT
Mitglieder der Nebs

Vor 60 Jahren: Schweizer Handel und Wandel mit den Briten        

Text von Heinz Gerber, Mitglied der Nebs.                

Vor 60 Jahren: Schweizer Handel und Wandel mit den Briten
Weg aus dem heimatlichen Gehege! Auslanderfahrungen sammeln! Das begehrte Ziel nach dem KV hiess London.

Es war im Herbst 1958, als meine kuriose Englandgeschichte begann. Ich war wieder einmal dabei, die abgeschnittenen Rhabarberblätter auf dem Kompost schichtweise auszubreiten, als der Nachbar, Herr Gersbach, sich auf der anderen Seite des Gartenhags zu mir gesellte. „Soso, du gehst nach England?“ wollte er wissen. „Ja, die Koffer sind schon unterwegs; ich gehe in das Swiss Mercantile College und suche Arbeit in London“, gab ich über den Zaun zurück. Darauf blieb Herr Gersbach eine Weile still, runzelte die Stirn und sprach mit gepresster Stimme: „Pass de uf!“.

Meine Gitarre war auch dabei als ich in London eintraf, und bald lernte ich in der „Swiss Mercantile“ Hans kennen, einen Klarinettisten der begleitet werden wollte. Hans hatte Glück: Nach dem College-Abschluss fand er sofort eine Stelle bei MOTTA, dem Feinkost- Importeur. Ich selbst landete dann bei einem Vermittler von Zeitungsabos.

Hans war Mieter einer dunkeln Londoner Kellerwohnung, in welcher wir das Zusammenspiel von Klarinette und Gitarre übten und Spaghetti assen. Ich suchte gerade den Büchsenöffner für die Sugo-Sauce, als Hans verkündete: „MOTTA feiert das 80 jährige Jubiläum mit einem Ausflug auf der Themse. Komm aufs Schiff, dann musizieren wir zusammen. Die ganze MOTTA-Crew kommt, sicher 100 Leute. Feinkost hat Aufwind“. Der Himmel über London war wolkenlos, als wir Benny Goodman zum Besten gaben. Solch eine Schar fröhlicher Engländer hatte ich noch nie erlebt.

War es Zufall, dass ich sieben Jahre später bei der Aargauer Firma SUGO AG eine Stelle antrat? Und dass an meinem ersten Arbeitstag ein Brief von
Hans H., Managing Director, MOTTA London, auf meinem Pult lag? „Der Hans ist jetzt Teil der MOTTA-Familie“, wusste einer im Büro.
Grossbritannien, damals EFTA-Land wie die Schweiz, war unser wichtigster Auslandkunde. Die Nachfrage auf der Insel galt vor allem unseren Ravioli, der Spaghetti-Sauce und dem Swiss Black Cherry Jam- (Tonnen von Kirschen aus dem Fricktal). MOTTA rief alle 3 Wochen an: „Wir brauchen wieder einen Lastenzug“. Das gab immer viel zu tun in der Exportpackerei, in der Spedition und in der Administration.

Ab und zu begleitete ich jetzt MOTTAS Regionalvertreter auf einer Promotionstour, und meine Frau Heidi schloss sich als Helferin an. Nach einer Besprechung bei „Marks & Spencer“ gab es einen Pub Lunch mit faden, dreieckigen Sandwiches, welche wir mit „Watney’s Pale“ hinunter spülten. Heidi brachte mich fast ein wenig in Verlegenheit mit ihrem Appetit auf diese Dreiecke. Erst etwas später kam aus, dass ein kleiner Baby Boy mit uns gereist war.

1973 kam das Aus für unsere Lastenzüge an MOTTA. Grossbritannien hatte die EFTA verlassen und trat der EWG bei. Das Königreich und damit unsere Geschäftsfreunde rückten weit weg von uns. Ein empfindlicher Umsatzverlust war die Folge. Ein Brexit, leider…

Ein paar Jahre später rief mich die betagte Witwe Gersbach mit einem sonderbaren Anliegen an: Bei ihr wohne vorübergehend ein Gast aus England; ich sei jetzt gefragt als Dolmetscher.

„Und wer ist dieser Zimmerherr?“

„Meet Mr. Andrew Gersbach junior,.. morgen gehen wir zusammen aufs Oberamt wegen Erbsachen.“ Andrew glich seinem Vater wie ein Ei dem anderen, und auf seinem Gesicht stand geschrieben: „Very pleased!“

 

Heinz Gerber, 25.6.16

 

 

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