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  • 24th July 2015 - 09:31 GMT
Geschichte der europäischen Integration

Winston Churchills Rede in Zürich, 1946

Text von Felix Brun, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Nebs.

Im Spätsommer 1946 residiert Winston Churchill im Zürcher Grandhotel Dolder und kann nicht schlafen. Er nutzt die Umstände, um an einer Rede zu arbeiten, die er am nächsten Tag vor begeisterten Anwesenden in der Zürcher Universität halten wird. Die Rede gilt bis heute als eine der wichtigsten Äusserungen zur Frage der europäischen Integration.

Zwar erscheint Churchill mit gewisser Verspätung an der Universität – offenbar hat er doch noch ein bisschen geschlafen und sich verschlafen – in Zürich, sein Charisma ist aber ungebrochen.In einer ausschweifenden Sprache huldigt Churchill zunächst dem alten, ehrwürdigen Kontinent Europa. Der vom Krieg zerstörte Kontinent sei

 

«Die Heimat aller grossen Muttervölker der westlichen Welt. Hier sind die Quellen des christlichen Glaubens und der christlichen Ethik. Hier liegt der Ursprung fast aller Kulturen, Künste, philosophischen lehren und Wissenschaften des Altertums und der Neuzeit.»

 

Man könnte heute die eurozentrische Sichtweise Churchills bemängeln und darauf hinweisen, dass auf allen Kontinenten dieser Erde grosse Völker grossartige Leistungen in Wissenschaft und Philosophie hervorbrachten – man denke etwa an die Perser, Ägypter oder an  China – und eine Fixierung auf Europa nicht gerechtfertigt ist. Das stimmt einerseits, andererseits darf man aber die Umstände nicht vergessen, während derer Churchill seine Worte vorträgt: Europa liegt zu jener Zeit am Boden, der zweite grosse Krieg innerhalb von dreissig Jahren hat eine ganze Generation von Männern vernichtet, die zurückgebliebenen Menschen sind am Ende ihrer Kräfte. Dass weiss auch Churchill:

 

«(…) In weiten Gebieten starren ungeheure massen zitternder menschlicher wesen gequält, hungrig, abgehärmt und verzweifelt auf die Ruinen ihrer Städte und Behausungen und suchen den düsteren Horizont angestrengt nach dem Auftauchen einer neuen Gefahr, einer neuen Tyrannei oder eines neuen Schreckens ab.»

 

Es verwundert daher nicht, dass Churchill mit seinem Loblied auf Europa gerade jenem Europa den Rücken stärken will, dass zu einer Ruine verkommen ist. Und so kommt Churchill auf «ein Heilmittel» zu sprechen, dass die Angst vor neuer Tyrannei bändigen könne, ein Heilmittel, das,

 

«Würde es allgemein und spontan von der grossen Mehrheit der Menschen in vielen Ländern angewendet, wie durch ein Wunder die ganze Szene veränderte und in wenigen Jahren ganz Europa, oder doch dessen grössten teil, so frei und glücklich machte, wie es die Schweiz heute ist.» 

 

Es ist durchaus erwähnenswert, dass Churchill in seiner Rede auch auf Belange der Schweiz eingeht. Für Churchill lebt die Schweiz den orientierungslosen Nationen in Europa im Kleinen vor, was er selbst in seinen berühmt gewordenen Sätzen von Europa fordert.

 

«Wir müssen eine Art vereinigte Staaten von Europa errichten. Nur auf diese Weise werden hunderte von Millionen sich abmühender Menschen in die Lage versetzt, jene einfachen Freuden und Hoffnungen wiederzuerhalten, die das Leben lebenswert machen.»

 

Dass Churchill die Schweiz als Vorbild nahm, hat die Schweizerinnen und Schweizer für Jahrzehnte geadelt. Doch auch hier muss relativiert werden. Die Schweiz hat zwar mit der Verfassung von 1848 viel Mut und Weitsicht bewiesen und man kann in diesem Zusammenhang durchaus von einer «Willensnation» sprechen. Doch als kleiner Staat inmitten Europas ist die Schweiz immer auch auf den Goodwill seiner Nachbarn angewiesen gewesen. Oftmals sah sich die Schweiz gezwungen zu akzeptieren, dass ihre Zukunft von anderen Mächten mitgestaltet werden konnte. Als exemplarisch hierfür kann sicherlich – gerade ist es zweihundert Jahre her – der Wiener Kongress von 1815 gelten. Dass eine europäische Gemeinschaft von verschiedenen Seiten kritisch betrachtet wurde, weil sie den Völkerbund zu unterminieren drohte, ist auch in unserem Beitrag über Aristide Briand und Alexis Léger bereits erwähnt worden. Churchill widerspricht dieser Auffassung. Für ihn gibt es keinen Grund,

 

«Weshalb eine regionale europäische Organisation auf irgendeine weise mit der Weltorganisation der vereinten Nationen in Konflikt geraten sollte. Ich glaube im Gegenteil, dass der grössere Zusammenschluss nur lebensfähig bleibt, wenn er sich auf engverbundene natürliche gruppen stützen kann.»

 

Mit dem englischen Commonwealth, so Churchill, gebe es bereits eine Gemeinschaft, welche den Beweis erbringe, dass der Völkerbund mit anderen Gemeinschaften zusammenarbeiten könne und dadurch in seiner Funktionsweise nicht behindert werde. Viel Weitsicht zeigt Churchill im Umgang mit Deutschland. Deutschland habe Krieg und Massenmord zu verantworten, da gebe es nichts zu diskutieren. Um den Frieden auf dem Kontinent zu sichern, müssten aber die Menschen

 

«Einen segensreichen Akt des Vergessens»[1] vollziehen. Nur wenn die Europäerinnen und Europäer den Mut aufbrächten, einander zu verzeihen, könne «Europa vor endlosem elend und schliesslich vor seinem Untergang bewahrt»

 

werden. Der Mensch könne sich verändern, so Churchill weiter. Alles liege nun in den Händen von Deutschland und Frankreich. Diese beiden Länder seien entscheidend für eine europäische Gemeinschaft. Für Churchill gibt es

 

«Kein wiederaufleben Europas ohne geistig grosses Frankreich und ein geistig grosses Deutschland.»

 

Die deutsch-französische Versöhnung wird während der gesamten europäischen Integration tatsächlich das zentrale Thema bleiben. Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl – die erste verwirklichte Europäische Gemeinschaft und Vorläuferin der Europäischen Union – wird sechs Jahre später die deutsch-französische Verständigung als entscheidend zur Errichtung eines stabilen, wohlhabenden und friedlichen Europas deklarieren[2]. Man dürfe sich kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht in falscher Sicherheit wähnen, schliesst Churchill seine Rede ab. Man müsse die bevorstehenden Aufgaben jetzt zügig anpacken. Es muss, so Churchill,

 

«Unser beständiges ziel (…) sein, die vereinten Nationen aufzubauen und zu festigen. Unter- und innerhalb dieser weltumfassenden Konzeption müssen wir die europäische Völkerfamilie in einer regionalen Organisation neu zusammenfassen, die man vielleicht die vereinigten Staaten von Europa nennen könnte. Der erste praktische schritt wird die Bildung eines Europarates sein.»

 

Auch wenn derzeit nicht alle Länder Europas an einer solchen Gemeinschaft teilnehmen wollten, so müsse man trotzdem damit beginnen, die Idee zu verwirklichen. Je mehr geschehe, umso eher würden sich die übrigen Länder offen gegenüber der Gemeinschaft zeigen, so Churchill. Spielt Churchill hier auch auf die Schweiz an? Wir wissen es nicht. Es ist aber schon erstaunlich: Ausgerechnet die Schweiz, welche sich Churchill als Vorbild einer europäischen Integration ausgewählt hat, ist eines der wenigen Länder, das sich bis heute einer europäischen Gemeinschaft verweigert hat. Was würde wohl Winston Churchill darüber denken?

 

[1] Churchill zitiert hier eine Aussprache des früheren britischen Premierministers William Gladstone (1809-1898).

[2] Siehe bspw.: Robert Schumann-Erklärung – 9. Mai 1950, Europäische Union, Wie funktioniert die EU, die Symbole der EU, http://europa.eu/about-eu/basic-information/symbols/europe-day/schuman-declaration/index_de.htm, Gesehen am 12.02.2015.

 

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