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  • 4th November 2020 - 17:44 UTC
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Grenzenlos beheimatet

KOLUMNE – QUERGESEHEN

Wir alle haben ja öfters mal etwas auszusetzen am Lauf der Dinge in der Eidgenossenschaft. Manche weniger, manche mehr – sei’s von links oder von rechts. Aber etwas verbindet: Wenn uns Kritik oder Unverständnis zur Schweiz im Ausland entgegenschlägt, auf Ferienreisen zum Beispiel, dann reagieren wir betupft und lassen nicht so schnell etwas auf das Land kommen. Dann wehrt sich der Heimatstolz. Ablehnung, von Aussenstehenden vorgetragen, macht uns irgendwie patriotisch.

Der heutige 3. November, an dem die Welt gespannt auf den Wahlausgang in die USA blickt, erinnert mich an meine Zeit in diesem Land: Um 1970 – vor 50 Jahren – verbrachte ich ein Jahr als Austauschschüler in Kalifornien. Eine Schlüsselerfahrung damals: Meine Mitschülerinnen und Mitschüler haben mich kaum als «Schweizer» wahrgenommen. Denn die meisten konnten sich – angesichts der Grössenverhältnisse verständlich – unter der Schweiz nicht viel vorstellen. Eher schon war der Begriff «Europa» für sie fassbar. «Do they have cars in Europe?», wollte ein naiver Jungamerikaner einmal wissen, eine andere fragte: «Is there television in Europe?» Ob es in Europa auch Autos und Fernsehapparate gäbe? Du heilige Einfalt, diese Amis wähnten sich im einzigen technisch entwickelten Land der Welt! Ich erklärte ihnen, dass diese Produkte die industrielle Massenherstellung zwar zunächst in den USA erlebten – dass aber sowohl das Automobil wie auch das Fernsehen ursprünglich europäische Erfindungen sind. Die Mitschüler staunten, bei mir jedoch wuchs das europäische Selbstbewusstsein. Eine Art supranationaler Patriotismus.

Das Jahr als Teenager in den USA hat mich gelehrt, mich nicht nur als Berner und Schweizer, sondern ebenso als Europäer zu fühlen. Und die Schweiz als einen Teil Europas zu verstehen – was sie als vielsprachiges, wirtschaftlich eng verflochtenes Land inmitten des Kontinents ja offensichtlich ist. Die gemeinsame Kultur, die gemeinsamen Werte der europäischen Länder verbinden die Schweiz stärker mit Europa, als die paar (durchaus lobenswerten) schweizerischen Eigenheiten uns davon abheben. Unnötig zu sagen, dass diese Wertschätzung für Europa auch dem schwierigen und unvollkommenen, aber nötigen Projekt des Zusammenstehens gilt: der Europäischen Union. Unser Kontinent täte gut daran, den alten und neuen Weltmächten mit geeinter Stimme zu begeg- nen – unabhängig davon, wer in der kommenden Nacht zum US-Präsidenten gekürt wird.

TONI KOLLER in Frutigländer 03.11.2020

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